Mehr Kritik

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , — JF @ 22:33

Pfostendummer Vollknall

Das Positive zuerst: Georg Gafron holt im “Focus” zum Generallob aus (was eingestandenermaßen in bestimmten Milieus eine Art Todeskuss gleichkommt); vor allem der Ton der Unternehmung hat dem erklärten Freiheitskämpfer gefallen: “Da schreibt kein Konservativer mit zur Faust geballtem Gesicht zu Wagner-Klängen apokalyptische und larmoyante Anklagen gegen die Zersetzung der demokratischen Gesellschaft von links. Vielmehr kommt uns Fleischhauer als ein irgendwie fröhliches Bürschlein entgegen.” Genau damit haben andere Konservative, die sich als die Gralshüter der Idee sehen, erkennbar Probleme. Einerseits können sie die vorgetragenen Thesen nicht einfach abtun, schließlich wissen sie ja genau, wovon die Rede ist, auch wenn sie es so nicht ausdrücken können. Anderseits vermissen Sie das vorbehaltlose Bekenntnis zu ihrem Lager, die in bestimmten Zugehörigkeitsgesten sich manifestierende Gesinnung. Das lässt sie merkwürdig säuerlich reagieren, etwas altjüngferlich, nach dem Motto: Was erdreistet sich dieser Neuzugang, soll er doch erst mal durchmachen, was wir durchgemacht haben.

Auf der Linken das bekannte Bild, also vereinte Ablehnung: Der Kollege der “taz” versucht sich in Satire, allerdings auf einem Humorniveau, das selbst die “taz”-Leser stöhnen lässt (lustig nur der letzte Eintrag: “Heute erstmals dieses Internet gesehen. Auch dort: überall nur Links, Links, Links. Ich denke, ich muss da mal ein Buch drüber schreiben.”) Alexander Kasbohm legt in der aktuellen Ausgabe von “Konkret” einen Schwerveriss hin, aufgehängt an der nicht ganz neuen Ödipus-Idee, aber immerhin um einige kraftvolle Injurien angereichert: dem Autor attestiert er  einen “amtlichen Vollknall”, das Buch findet er “pfostendumm”, überhaupt: “Wenn der Mond aus grünem Käse ist, können Schweine fliegen resp. ist Jan Fleischhauer ein geistreicher Schreiber.” Das “Neue Deutschland”, ebenfalls ganz originell, sieht hinter allem den Beweis für die große Verschwörung von “Bild” und “Spiegel”, was ja angesichts der Bedeutung, die das ND Buch und Autor beimisst, schon wieder schmeichelhaft ist. Überraschend die Kritikerin der linksradikalen “Jungle World”, der das Buch noch zu zahm ist, igendwie nicht “ätzend” genug gegenüber dieser “Welt aus RAF-Versteherei, Orangensaft, frisch gepresst, und Antikapitalismus”– huch, wie hart hätte sie es denn gern? Das, muss ich zugeben, hat mir zu denken gegeben.

Eheleben

Filed under: Lebensstil — Schlagwörter: , , , — JF @ 00:25

Zahnseide = 2 Jahre +

Verwirrende Studien aus Amerika: Verheiratete Männer leben fünf Jahre länger als unverheiratete, was den gesundheitlichen Wert der Ehe belegt und  in der Transplantationsmedizin dazu führt, dass ledige Männer  von den Ärzten bei der Vergabe von Spenderorganen regelmäßig benachteiligt werden. Anderseits verlängert es das männliche Leben, wenn die Lebenspartnerin jünger ist, wie jetzt Forscher des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung nachweisen konnten, was sich mit der erstgenannten Studie nur unter der Bedingung verträgt, dass es vor allem darauf ankommt, verheiratet zu bleiben, nicht unbedingt aber mit der selben Frau. Noch eigenartiger: Bei Frauen hat die Ehe keinerlei Effekt auf die Lebenserwartung; sind sie mit einem jüngeren Mann liiert, sterben sie im Schnitt sogar früher als ihre Geschlechtsgenossinnen, die mit einem etwa gleich alten oder älteren Mann zusammen sind.  Man wäre auf eine Erklärung gespannt. Vielleicht verursacht der Altersunterschied bei Männer und Frauen ein unterschiedliches Maß an Stress, der sich aber, und das ist wiederum die gute Nachricht, kompensieren lässt: Wer regelmäßig Zahnseide benutzt, gewinnt zwei Jahre Lebenszeit, ganz unabhängig vom Geschlecht, regelmäßiges Scrabble oder Sudoku mit anderen bringt ebenfalls fünf Jahre, auch der sonntägliche Kirchgang zahlt sich aus (+ 1,7 Jahre). Es ist also nichts verloren, Hauptsache man bleibt nicht ungebunden und allein.

Nationalismus

Filed under: Ausländer — Schlagwörter: , , , — JF @ 23:18

Halbmond am Hintern

Aus Istanbul berichtet meine Freundin Mely Kiyak von ein paar jungen deutsch-türkischen Theatermachern, die anlässlich eines Kulturtreffens ein Stück über schwule Türken in Deutschland zur Aufführung brachten. Das Problem war dabei nicht so sehr die zur Schau gestellte Homosexualität, darüber hätte man in Istanbul noch hinweggesehen, das Stück stammte schließlich aus Berlin  – zum Staatsakt wurde eine Szene, in der auf ein Stück rotes Tuch mit Rasierschaum Halbmond und Stern gesprüht werden sollten. Es gab ernste Bitten, auf diese Demonstration zu verzichten, auch Ermahnungen; “das war es für euch, Freunde. Ehrlich, Gott schütze euch”, riet ein türkischer Intellektueller. Eine der bekanntesten Moderatorinnen des Landes hat gerade ein Strafverfahren am Hals, weil sie während einer Fernsehsendung mit der Fußspitze leicht einen Luftballon zur Seite stupste, der unglückseligerweise mit der türkischen Flagge verziert war. Nun heißt es, sie habe die Fahne mit Füßen getreten. Mehreren Models drohen Strafen, da sie bei einer Bademoden-Show mit den Nationalsymbolen bedruckte Bikinihöschen vorführten: Der Modeschöpfer hatte besonders patriotisch sein wollen, leider lagen Halbmond und Stern nach Ansicht einiger Nationalwächter zu nah am Gesäß. Da sage noch jemand, die Deutschen hätten ein Problem mit übersteigertem Nationalismus. Wir machen uns keine Vorstellung, welche Emotionen andernorts mit den Nationalsymbolen verbunden sind. Genau besehen sind wir inzwischen, man muss es wirklich so sagen, ein vergleichsweise entspanntes Volk.

Seinfeld

Filed under: Allgemein — JF @ 03:28

In a land before time

Vom Leser Roger K. stammt der Hinweis auf folgendes Video, auf das er durch Zufall bei Youtube gestoßen ist – der Clip tut nichts wirklich zur Sache, aber er ist komisch:

68er

Filed under: Mythen — Schlagwörter: , , , , — JF @ 00:19

Prantl, Leyendecker und andere Mythenlieferanten

Brauchen wir Mythen? Helfen sie in die Krise? Und was sind die Großerzählungen, an denen sich die Deutschen jetzt aufrichten könnten? Barbarossa, die Loreley, Preußen? Die Linken haben jedenfalls gerade mit der Enttarnung des Ohnesorg-Schützen Karl-Heinz Kurras als Stasi-Spion und besonders aufrechtem Kommunisten einen Großmythos verloren, auch wenn die Überzeugungs- und Sentimentallinken in den Redaktionen wie Heribert Prantl oder der unvermeidliche Hans Leyendecker dagegen seit zwei Wochen anzuschreiben versuchen. Für Leyendecker sind das nur “Rechthabereien” um die Ausdeutung von 1968, aber wahrscheinlich glaubt er auch noch bis heute, das Che Guevara in seinem bolivianischen Urwaldcamp Andersdenkende am Nachmittag lediglich aus Menschenliebe  füsilieren ließ. Ich habe Leyendecker immer bewundert, muss ich sagen: Seit Jahren schreibt er nahezu jeder größeren Enthüllungsgeschichte hinterher, was ihm den Ruf eingetragen hat, “ein Trüffelschwein allererster Güte” zu sein, wie es gerade in einer Huldigung zum Sechzigsten in der “Faz” hieß, denn niemand beherrscht so meisterlich wie der Mann von der “Süddeutschen” die Kunst, das an anderer Stelle bereits zutage Geförderte so aufzubereiten, als sei es gänzlich neu. Man kann auch sagen, Leyendecker hat mit der Zweitenthüllung eine ganz neue journalistische Gattung geschaffen, die ihm den “Erich Fromm Preis” eingebracht hat (neben Konstantin Wecker, Eugen Drewermann und, natürlich, Heribert Prantl), die Auszeichnung “Aufrechter Gang” der Landtagsfraktion der Grünen  Nordrhein-Westfalen und in jedem Netzwerk Recherche, das in Deutschland gegründet wurde und noch  gegründet werden  wird, einen Vorstandsposten auf Lebenszeit. Was uns zurück zum Thema Mythen bringt, ihrer Wirkmacht und Dauerhaftigkeit. Hier diskutieren vier Kenner der Materie eine Stunde unter Anleitung der wunderbaren Thea Dorn im  “Literatur im Foyer”.

Sat1

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 12:26

Dienstagmorgen, 7:41 Uhr im Frühstücksfernsehen

– die Moderatorin weiß übrigens genau, wovon die Rede ist: ebenfalls in Hamburg aufgewachsen (Lehrerhaushalt – keine Cola, kein Fernsehen, keine Comics, außer Asterix, da aus Frankreich und damit kulturhaltig), also bürgerliche Erziehung unter linken Vorzeichen:

Parteipräferenz

Filed under: Allgemein,Linke — Schlagwörter: , , , — JF @ 21:26

Rechts und links 2

Wie links sind die deutschen Journalisten? Nach meiner Erfahrung fühlen sich die meisten der in der Meinungswirtschaft Tätigen eindeutig den Linken verbunden, schon weil es die anderen auch sind, nach Auffassung vieler Linker hingegen sind die Linken dort klar in der Minderheit, weshalb sie ja ihre Ideen auch stets in einem heroischen Kampf gegen die feindliche Übermacht in den Landesfunkhäusern und Redaktionsetagen durchsetzen müssen. Eine Leserin hat mich jetzt auf eine Untersuchung des Medienwissenschaftlers Siegfried Weischenberg hingewiesen, Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg. Danach verteilt sich die politische Sympathie der in Deutschland tätigen Medienschaffenden wie folgt: Grüne: 35,5 Prozent, SPD: 26 Prozent, CDU: 8,7 Prozent, FDP: 6,8 Prozent, keine Präferenz: 19,6 Prozent. Das heißt, noch nicht einmal ein Sechstel der Journalisten fühlt sich den bürgerlichen Parteien nahe oder würde am Wahltag für diese stimmen. Die Zahlen sind relativ aktuell, der Erhebungszeitraum war 2004/2005; die Linkspartei schnitt mit 0,8 Prozent noch vergleichsweise schlecht ab, das dürfte sich, mit den Erfolgen im Westen, geändert haben.

Echos

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 21:05

Rechts und links

Der hochgeschätzte Kollege Wolfgang Röhl, letzter Freigeist im “Stern”, berichtet über den Kuba-Besuch eines Freundespaares, das eine wunderbare Illustration der an dieser Stelle mehrfach aufbereiteten These von der linken Doppelmoral abgibt. Die “Welt” druckt auf ihrer Forum-Seite ein längeres Gespräch zur Frage, was heute eigentlich noch rechts und links ist, beziehungsweise warum es Konservative in Deutschland so schwer haben.  Im “Freitag”, dem mit viel Elan betriebenen deutschen “Guardian” unter Regie von Jakob Augstein, findet sich ein längere Leseprobe aus dem Opferkapitel, dazu, mit Zeitverzug, eine eher missgestimmte Kritik, die allerdings nicht ohne Widerspruch aus der Leserschaft bleibt.