Fackelkopf

Gesunder Klassenstandpunkt

Mit der Post erhielt ich dieser Tage ein Schreiben des ebenfalls in Berlin ansässigen Journalisten und Schriftstellers Bruno Preisendörfer, in dem er mich über einen “offenen Brief” in Kenntnis setzte, den er auf seiner kürzlich eröffneten Webseite “Fackelkopf” veröffentlicht hat. Ich muss zugeben, dass mich bereits ein Beitrag von Jens Bisky in der “Süddeutschen” auf den Text aufmerksam gemacht hatte, insofern war ich vorgewarnt. Preisendörfer ist ein bekennender Linker, er macht auch keine Anstalten, das irgendwie modisch einzukleiden – er versteht sich als Mann der Arbeiterschaft, jedenfalls stammt er daher, seine Kritik erwächst aus einem klaren Klassenstandpunkt, was mir schon einmal sympathisch ist. Ich hatte immer etwas übrig für Leute, die die Dinge sehen, wie sie sind, wozu auch die Existenz von Interessen und sozialen Milieuverhaftungen gehört. Natürlich hat Preisendörfer an dem Buch einiges auszusetzen; so vermisst er eine Würdigung der Gewerkschaftsbewegung (die ist bis auf eine Vignette über den schlechtgelaunten Funktionär in der Tat ausgefallen, ich muss bei Gewerkschaft immer an Ver.di denken, da bin ich befangen). Das Interessante ist, dass Preisendörfer eine ganze Reihe, wenn nicht sogar die überwiegende Zahl, meiner Einschätzungen teilt. Als Arbeiterkind kennt er nur zu genau das “Kopftätschelnde” des linken Juste Milieu, das “Sentimentale und Naive” dieser Schicht von Leuten, die sich für die Elenden und Ausgebeuteten immer nur so lange interessieren, als sie ihnen nicht zu nahe rücken. “Wie kann ein Mensch, der eine Putzfrau und noch alle Tassen im Schrank hat, links sein?” fragt er: “Die Putzfrau selbst müsste links sein, wenn es mit rechten Dingen zuginge und die Menschen nicht so verwirrte Wesen wären.” Recht hat der Mann.

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4 Kommentare

  1. …erstaunlich wahr und echt sind Herrn Fleischhauers Analysen. Kenne eine Studentin, die ebenfalls links aufgewachsen ist… es stimmt jedes Detail exakt und man ist amüsiert über die Präzision der Klassenstudie:
    Vater der Studentin und Mutter grüßt jedermann mit “Genosse” und ist von der SPD in die Linkspartei eingetreten, fordert bei jeder öffentlichen Gelegenheit die radikale Umverteilung (ist aggressiv-intoleranter Gewerkschaftsvertreter) … Wenn man genauer hinschaut: Er hat wenig Geld, da er 1. wenig verdient aufgrund versäumter Ausbildung und 2. haufenweise Geld rausschmeisst und seine Langzeitstudentenkinder alimentiert, die weiche geisteswiss. Fächer studieren und keine so rechte Lust darauf haben, etwas zu schaffen, aber dennoch für sich selbst gerne Teilhabe einforderen an einem bürgerlichen Wohlstand. Die Umverteilung kommt also ausschließlich denen zugute, die sie einfordern. Sie durfte nie mit der frauenverachtenden Barbies spielen, amerikanische Produkte konsumieren oder Christin werden (Verweis auf das Mittelalter und die Hexenverfolgungen.. die ja eigentlich ein Phänomen der frühen Neuzeit waren).
    Die Alimentierungen geraten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, da die materiallen Ansprüche und die fehlende Leistungsbereitschaft zu einer Mixtur verschmelzen, die das konto ebenfalls zusammenschmelzen lassen.

    Comment by gisela — 15. Juli 2009 @ 07:08

  2. Das Erstaunliche an vielen, ich möchte fast sagen: den meisten Linken ist, dass sie sich für die Belange von Leuten einsetzen, deren Welt sie gar nicht kennen, ja auch gar nicht kennenlernen wollen. Der Arbeiter und sein böses Schicksal exisitiert nur in ihrer Wunschvorstellung, die völlig praxisresistent ist. Als einer, der selbst aus einer Arbeiterfamilie stammt, habe ich mich immer üer die Ignoranz meiner größtenteils linken Bekannten hinsichtlich der Welt der Arbeiter gewundert. Nichts von alledem, was in linken Köpfen zum Thema “Arbeiter” herumgeistert, hat etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Irgendwie scheint dieses Denken jedoch eine gewisse Tradition zu besitzen: Schon Karl Popper beschloss in seinen jungen Jahren, Arbeiter zu werden. Der Grund: Er war schlichtweg angewidert von der intellektuellen Arroganz seiner (ebenfalls aus dem Bürgertum stammenden) linken Zeitgenossen, die immer davon sprachen, SIE würden die Arbeiter in eine bessere Zukunft führen, ohne jedoch eine Ahnung von deren tatsächlichen Lebenswelten zu haben.

    Comment by Manfred Jacobi — 15. Juli 2009 @ 15:56

  3. die Grundlage für den linken Klassenkampf ist das späte 19. jahrhundert, kurz nach Karl Marx und August bebel… aber diese Realität hat sich grundlegend verändert, das Denken und die argumente haben überlebt und wirken sich realitätsverdrehend auf unsere Zeit aus. Wie wäre es mir einer modernen Arbeiterbewegung? Pragmatisch realitätsnah und nicht so intolerant und apodiktisch?

    Comment by Behr — 16. Juli 2009 @ 08:01

  4. Passt sehr zu diesem Thema:

    http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-Dritte-Seite;art705,2849583

    Comment by Christoph Angerer — 17. Juli 2009 @ 16:22

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