Gender

Alte Zöpfe in HH

Vom Leser Johannes Schlörb kommt dieser Hinweis auf einen Fall amtlicher “Diskriminierung” beziehungsweise flagranten “Rassismus”, der in Hamburg für Aufsehen gesorgt hat und zwei Abgeordnete der Bürgerschaft, Nebahat Güclu von den Grünen und Kerstin Artus von der Linkspartei, zum energischen Eingreifen provozierte. Was sich die Hansestadt hat zu Schulde hat kommen lassen? Sie hat ein Pixi-Buch für Drittklässler in Umlauf gebracht, das die neuen Sprech- und Darstellungsweisen des “Gender Mainstreaming” vernachlässigt und zudem noch Deutsche schaubildmäßig bevorzugt. Hier der Beweis:


Weil die Hansestadt sich nicht nachsagen lassen will, gendermäßig nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, ist man jetzt bemüht Abhilfe zu schaffen. Auf der Rätselseite des Pixi-Bändchens wird nun aus dem Rick die Svetlana, “so dass wir Migrationshintergrund und die Geschlechterfrage gleich etwas verbessert haben”, wie der zuständige Sachbearbeiter stolz erklärt. Nur so einfach ist das nicht mit dem Gender Mainstreaming: Svetlana trägt Zöpfe, und das ist natürlich wieder ein niederschmetternder Beleg für das rückständige Denken in Hamburg, “denn auch Kinder mit kurzen Haaren sind Mädchen”, wie Frau Artus von den Linken kopfschüttelnd-betrübt erklärt.

Kritik, persönlich

Abgelegt unter: Lebenswelten, Unter Linken — Tags:, , , , — JF @ 22:47

Unter Freunden

Aus New York erreicht mich eine Kritik, die sich insofern von den üblichen Einwänden und Anmerkungen gegen “Unter Linken” unterscheidet, als hier jemand mit besonderer Kenntnis der Umstände schreibt. Andreas Mink, lange Chefredakteur des “Aufbau” und heute Autor für das jüdische Monatsmagazin, ist nicht nur ein geschätzter Kollege, sondern auch ein guter Freund. Wir kennen uns lange, ich habe mit meiner Familie mehrere wundervolle Sommer bei ihm in Connecticut verbracht, vor allem verbindet uns eine schöne und stimulierende Zeit an der Hamburger Universität. Eben diese nimmt Mink nun zum Anlass, mir in Erinnerung zu rufen, wieviel wir beide unserem damaligen Professor Klaus Bartels zu verdanken haben. Ich kann ihm nicht widersprechen, ganz im Gegenteil: Wenn ich mir dennoch den einen oder anderen Seitenhieb auf die Franzosenlehre erlaube, die uns damals die Fragwürdigkeit der Vernunftbegriffe nahe legte, dann nicht wegen, sondern trotz der Bartelschen Oberseminare. Die Anstrengungskultur, für die der Literaturwissenschaftler schon eintrat, als allenthalben noch vom herrschaftsfreien Diskurs die Rede war, hatte übrigens den für uns durchaus angenehmen Nebeneffekt, dass wir nie die beengte Atmosphäre einer Massenuniversität kennengelernt haben. Die Literaturliste, die Bartels am Anfang seines Semiars verteilte, sorgte zuverlässig dafür, dass sich beim nächsten Mal nur noch diejenigen einfanden, die bereit waren, das Lesepensum zu erledigen. Die Zahl schwankte zwischen 12 und 15 Teilnehmern.

Etwas anders verhält sich der Fall bei meinem Kollegen Matthias Matussek, der das Buch zum Anlass genommen hat, erst sein Coming Out als Wiederlinker zu erklären, und dann für alle, die noch nicht begriffen hatten, wie ernst es ihm damit ist, am Wochenende noch einmal nachzulegen (“Das Problem Fleischhauer”). Anlass hierfür bot ihm eine Antwort, die ich für die “Achse des Guten” verfasst hatte und in der ich meine Vorbehalte gegenüber den Grünen wiederholte, die Matussek nun zur neuen politischen Heimat erkoren hat. Irgendwie scheint das Engagement für die linke Sache schwer aufs Gemüt zu schlagen, fröhlicher jedenfalls schaut niemand nach der Konversion aus der Wäsche. Kein Kapitel meines Buches hat mir so wütende Kommentare eingetragen wie das über die Linke und den Humor: Ich kann nach den bisherigen Reaktionen nicht sagen, dass ich allzuviel Grund sehe, es in der nächsten Ausgabe stark zu überarbeiten.

Künast

Abgelegt unter: Wahlkampf — Tags:, , , — JF @ 18:38

Politischer Reinigungszwang

An dieser Stelle doch noch einmal ein Wort zu Renate Künast, es hilft nichts. Bei kaum einem anderen Funktionär im politischen Berlin ist die Erregungs-  und vor allem Bezichtigungsbereitschaft so ausgeprägt wie bei der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag. Wenn sich irgendwo in Deutschland jemand politisch verdächtig eingelassen hat, kann man sicher sein, dass Künast mit maximaler moralischer Entrüstung maximale Distanzierung verlangt.

Zum ersten Mal fiel mir die Anwältin auf, als sie vor drei Jahren den Historiker Arnulf Baring zur Strecke zu bringen suchte. Baring hatte bei einem Vortrag im hessischen Landtag ausgeführt, warum es nach seiner Meinung töricht sei, die deutsche Geschichte auf die Jahre 1933 bis 1945 zu reduzieren, woraus erst  die “Frankfurter Rundschau” den Vorwurf destillierte, er habe den Nationalsozialismus verharmlost, und dann Künast aus Berlin per Ferndiagnose den Schluss zog, der Professor habe die Schrecken des Holocaust zu leugnen versucht. Jedermann weiß, dass ein Vorwurf dieser Güte eine Karriere in Deutschland sofort beenden kann, und als sei das noch nicht genug, verlangte die Grüne von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sich umgehend „von Baring und seinen Thesen zu distanzieren“ und ihn von einer geplanten CDU-Veranstaltung auszuladen. Als sich ein paar Tage später anhand eines aufgefundenen Mitschnitts herausstellte, das alles seine Ordnung gehabt, ja Baring ausdrücklich die Schrecken des Nationalsozialismus herausgestellt hatte, sah sich Künast nicht etwa zu einer Entschuldigung veranlasst, sondern befand im Gegenteil, sie habe allen Grund gehabt, dem Professor zu misstrauen.

Diese Woche ging der Kampf nun gegen den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, der in einem Anfall von Stimmenfang den Zuhörern ein paar hässliche Sachen über die Arbeitsmoral rumänischer Arbeitnehmer gesagt hat, weil sie seinen braven Landeskindern die Handyproduktion bei Nokia weggeschnappten. “Rassismus pur”, befand die wackere Dame, verbunden mit der Aufforderung an die Kanzlerin, Rüttgers seiner Verpflichtung in den Parteigremien zu entheben. Nicht nur, dass Künast offenbar unter einem merkwürdigen Reinigungszwang leidet, der sie ständig nach der Entfernung von Leuten rufen lässt, die sie nicht leiden kann – der Vorwurf geht auch an der Sache vorbei. “Rassismus” setzt ja den Tatbestand einer rassischen Unterscheidbarkeit oder jedenfalls klar abgrenzbarer Ethnien voraus, wenn man schon in solchen Termini denken will. Wenn überhaupt hat sich Rüttgers der Volksverhetzung schuldig gemacht, und selbst das ist mehr als fragwürdig, denn der Hinweis auf die laxe Arbeitsmoral in einem Nachbarland offenbart eine Vorurteilsstruktur, wie sie umgekehrt genauso leicht anzutreffen ist – man muss nur einmal mit einem Franzosen, Briten oder Holländer über die Deutschen reden, um den Beweis anzutreten.

Im Englischen würde man sagen: She ist not the sharpest knife in the tool box, aber so etwas geht im Deutschen natürlich nicht, und deshalb bleibt es hier auch ungesagt.

Grüne

Abgelegt unter: Wahl — Tags:, , , , — JF @ 22:40

Ewige Kindheit

Kann man etwas gegen die Grünen haben? Man muss sogar. Keine politische Partei erfreut sich in den meinungsbildenden Kreisen vergleichbarer Sympathie, bei jeder Wunschkonstellation für die kommende Regierung sind sie mit dabei, entweder im Verbund mit SPD und FDP (der leicht modernisierte Klassiker), als Partner eines rot-roten Bündnisses oder, im Fall konservativerer Gemüter, an der Seite der Union. Erst kürzlich hat der von mir sehr geschätzte Bernd Ulrich, einige Jahre Berliner Büroleiter und nun sogar stellvertretende Chefredakteur der “Zeit”, ein Plädoyer für Schwarz-Grün gehalten: Dies sei keine Vision mehr, sondern eine “Koalition, deren Zeit gekommen ist”.

Ich habe mich unwillkürlich gefragt: Hat Ulrich einmal in das aktuelle grüne Wahlprogramm gesehen; war er in den letzten vier Jahren, und sei es nur für eine Stippvisite, auf einem grünen Parteitag? Und wenn ja, was hat er da um Gottes Willen entdeckt, dass ihn auf eine Rückkehr der Grünen in Ministerämter hoffen lässt? Glaubt er wirklich, dass unser Land in der derzeitigen Lage eine Partei an der Regierung braucht, die jedem Hartz-IV-Empfänger erst einmal 100 Euro mehr in die Hand drücken will, ganz unabhängig von seiner Leistungsbereitschaft, die Deutschland von jeder verlässlichen Energieversorgung abzukoppeln gedenkt und deren Jugendorganiation erst kürzlich unter dem wohlwollenden Blick des Parteivorsitzenden Cem Özdemir die Entfernung der Geschlechtsangabe aus Reisepässen beschließen durfte, weil die Zuweisung in “männlich” und “weiblich” die Menschen in die “heterosexuelle Matrix” presse, aus der sie selbstredend sofort befreit gehören?

Sicherlich würde mir Ulrich auf Vorhalt antworten, dass dies Kinderkrankheiten seien, nicht ernst zu nehmende Einfälle und pubertäre Absurditäten, die sich an der Regierung schnell  auswachsen würden. Aber genau das ist mein Punkt: Warum sollen die Deutschen eine Partei in die Regierungsverantwortung schicken, die erst einmal ihre kindlichen Verhaltenweisen überwinden muss? Dafür sind die Zeiten erkennbar zu ernst, das kann man sich vielleicht leisten, wenn die Steuereinnahmen munter sprudeln, alle Arbeit haben und das vordringlichste Problem der Republik die flächendeckende Einführung der nächsten Biotonne ist. Bleibt die Frage, warum so viele kluge, nachdenkliche Menschen im Alter zwischen Vierzig und Fünfzig  ihre Sympathie für die Ökopisten bekunden. Die kurze Antwort: Die Grünen sind die ideale Partei für alle, die Probleme mit dem älter werden haben. Die ausführlicher gefasste findet sich hier, in einem Beitrag für das politische Feuilleton des Deutschlandradios.