Künast

Politischer Reinigungszwang

An dieser Stelle doch noch einmal ein Wort zu Renate Künast, es hilft nichts. Bei kaum einem anderen Funktionär im politischen Berlin ist die Erregungs-  und vor allem Bezichtigungsbereitschaft so ausgeprägt wie bei der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag. Wenn sich irgendwo in Deutschland jemand politisch verdächtig eingelassen hat, kann man sicher sein, dass Künast mit maximaler moralischer Entrüstung maximale Distanzierung verlangt.

Zum ersten Mal fiel mir die Anwältin auf, als sie vor drei Jahren den Historiker Arnulf Baring zur Strecke zu bringen suchte. Baring hatte bei einem Vortrag im hessischen Landtag ausgeführt, warum es nach seiner Meinung töricht sei, die deutsche Geschichte auf die Jahre 1933 bis 1945 zu reduzieren, woraus erst  die “Frankfurter Rundschau” den Vorwurf destillierte, er habe den Nationalsozialismus verharmlost, und dann Künast aus Berlin per Ferndiagnose den Schluss zog, der Professor habe die Schrecken des Holocaust zu leugnen versucht. Jedermann weiß, dass ein Vorwurf dieser Güte eine Karriere in Deutschland sofort beenden kann, und als sei das noch nicht genug, verlangte die Grüne von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sich umgehend „von Baring und seinen Thesen zu distanzieren“ und ihn von einer geplanten CDU-Veranstaltung auszuladen. Als sich ein paar Tage später anhand eines aufgefundenen Mitschnitts herausstellte, das alles seine Ordnung gehabt, ja Baring ausdrücklich die Schrecken des Nationalsozialismus herausgestellt hatte, sah sich Künast nicht etwa zu einer Entschuldigung veranlasst, sondern befand im Gegenteil, sie habe allen Grund gehabt, dem Professor zu misstrauen.

Diese Woche ging der Kampf nun gegen den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, der in einem Anfall von Stimmenfang den Zuhörern ein paar hässliche Sachen über die Arbeitsmoral rumänischer Arbeitnehmer gesagt hat, weil sie seinen braven Landeskindern die Handyproduktion bei Nokia weggeschnappten. “Rassismus pur”, befand die wackere Dame, verbunden mit der Aufforderung an die Kanzlerin, Rüttgers seiner Verpflichtung in den Parteigremien zu entheben. Nicht nur, dass Künast offenbar unter einem merkwürdigen Reinigungszwang leidet, der sie ständig nach der Entfernung von Leuten rufen lässt, die sie nicht leiden kann – der Vorwurf geht auch an der Sache vorbei. “Rassismus” setzt ja den Tatbestand einer rassischen Unterscheidbarkeit oder jedenfalls klar abgrenzbarer Ethnien voraus, wenn man schon in solchen Termini denken will. Wenn überhaupt hat sich Rüttgers der Volksverhetzung schuldig gemacht, und selbst das ist mehr als fragwürdig, denn der Hinweis auf die laxe Arbeitsmoral in einem Nachbarland offenbart eine Vorurteilsstruktur, wie sie umgekehrt genauso leicht anzutreffen ist – man muss nur einmal mit einem Franzosen, Briten oder Holländer über die Deutschen reden, um den Beweis anzutreten.

Im Englischen würde man sagen: She ist not the sharpest knife in the tool box, aber so etwas geht im Deutschen natürlich nicht, und deshalb bleibt es hier auch ungesagt.

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7 Kommentare

  1. Im privaten Leben, dass bekanntlich auch öffentlich ist, hätte man bei der Künast die Nase gerümpft und bei diesem versuchten Rufmord von übler Nachrede gesprochen. Und der ehemalige MP Holger Börner hätte noch früher als früher die Satisfaktion mittels Dachlatte gesucht. Bezeichnend wohl, dass inzwischen noch die widerlichste Anschuldigung durchgeht, als wäre es einfach ein Stück weit super, dass wir darüber geredet haben.

    Comment by Parzival v. d. Dräuen — 12. September 2009 @ 12:00

  2. Rüttlers?

    Comment by str — 13. September 2009 @ 10:37

  3. Schon erledigt. Trotzdem danke für den Hinweis. Hzl. JF

    Comment by JF — 13. September 2009 @ 12:35

  4. Frau Künast wird aber ganz traurig, wenn es mal gegen sie geht.
    Gerade hat sie sich bei abgeordnetenwatch darüber ausgeheult, dass die Überschrift des folgenden Videos “gezielt verfälscht” sei:
    http://www.youtube.com/watch?v=po33La1N974
    So reisserisch, verleumdend und polemisch übertreibend drückt sich eine Grüne also aus, wenn sie “nicht gegen” etwas ist sondern nur zum Nachdenken anregen will.

    Comment by Allesverboten.org — 25. September 2009 @ 13:27

  5. Hallo,

    Ich habe gerade Ihr Buch auf Amazon bestellt. Gestern habe ich Sie im Fernsehen (SAT) gesehen und war begeistert, wie Sie sich gegen die linken Kabarettisten behauptet haben.

    Ich bin Polin, lebe aber im deutschen Sprachraum seit 20 Jahren. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, musste ich leider unter “die Linke”. Obwohl ich Ihr Buch noch nicht gelesen habe, bin ich sicher, dass ich die gleichen Erfahrungen gemacht habe, wie Sie.

    Ich hasse die Rechten genauso, wie ich die Linken hasse, daher glaube ich, dass ich einigermaßen objektiv geblieben bin. Ich kann ebenfalls Frau Künast nicht austehen (habe ich sie und ihre aggressivität in einer TV-Diskussion erlebt). Ich muss aber schon sagen, dass mir diesen negativen Dinge, die über Rumänen gesagt wurden, nicht gefallen. Dasselbe sagte man vor ein paar Jahren über Polen. Wenn man dieselben Worte über Juden sagte, (“unpünktlich, kommen, wann sie wollen” usw.) würde das höchst unpassend sein. Aber den Leuten aus dem ehemaligen Ostblock kann man alles antun, die können sich ja nicht wehren.

    Seien Sie vorsichtig, Herr Fleischhauer, verlieren Sie Ihre Objektivität nicht, manches ist nicht in Ordnug auch dann, wenn es von Frau Künast kritisiert wird.

    Grüße

    Margreth Christoph

    PS: Entschuldige für mein holpriges Deutsch.

    Comment by Margreth Christoph — 12. Oktober 2009 @ 13:03

  6. Natürlich haben Sie, was die abfälligen Sätze über die Rumänen angeht, recht: Mich stört nur der Verdammungston, der bei solchen Diskussionen sofort Einzug hält. Was das Deutsch angeht, da machen Sie sich mal keine Sorgen: Das ist besser als das vieler Deutscher, soweit ich das beurteilen kann.

    Comment by JF — 13. Oktober 2009 @ 20:23

  7. Ich kann das erste Beispiel zur Rede Arnulf Barings nicht exakt bewerten, da ich dazu niemals vorher etwas gelesen habe, wenn das jedoch so stimmt, wie sie es hier schreiben, dann hat sich Frau Künast dort zu weit aus dem Fenster gelehnt. Dass sie jedoch Distanzierung und Ausladungen von CDU-Feierlichkeiten fordert, ist kein Merkmal von Frau Künast im speziellen, sondern ein Merkmal der Kaste Politiker im Allgemeinen. So wird nunmal politischer Druck erzeugt, ob man es nun gut findet oder nicht.

    Zum zweiten Beispiel, kann ich nur sagen, dass ich die Aussagen des Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers auch ziemlich ungeschickt und außerdem äußerst beleidigend empfinde. Ob dies nun ‘Rassismus’ oder Volksverhetzung ist, ist für mich ein semantischer Unterschied (zugegeben im politischen Alltag macht es dann doch deutlich mehr aus), aber die Kritik bleibt berechtigt, weil die Worte Jürgen Rüttgers einfach sehr unschön sind.

    Und diese plumpe Art Frau Künast als ‘not the sharpest knife in the toolbox’ zu bezeichnen, lässt mich einfach nur schmunzeln. Nicht zuletzt, weil ich sie selbst für eine ziemlich intelligente Frau halte, die hinter ihren Aussagen in politischen Diskussionen einen klar strukturierten Denkprozess vermuten lässt, aber auch weil sich mit einer solchen Aussage ja auch immer eine eigene herablassende perspektive auf Frau Künast offenbart. Ob einem diese Argumente dann nun gefallen oder nicht, ist ja eine andere Sache. Ich mag z.B. Wolfgang Schäuble nicht, aber halte ihn für einen sehr intelligenten Politiker, auch wenn mir seine Ansichten in den seltensten Fällen gefallen.

    Lieben Gruß
    eines ‘Linken’ (nicht die Partei), der sich auf der Suche nach dem englischen Sprichwort ‘not the sharpest knife in the toolbox’ auf diese Seite verirrte

    Comment by Sebastian Ulrich — 13. Dezember 2009 @ 19:57

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