Kritik, persönlich

Unter Freunden

Aus New York erreicht mich eine Kritik, die sich insofern von den üblichen Einwänden und Anmerkungen gegen “Unter Linken” unterscheidet, als hier jemand mit besonderer Kenntnis der Umstände schreibt. Andreas Mink, lange Chefredakteur des “Aufbau” und heute Autor für das jüdische Monatsmagazin, ist nicht nur ein geschätzter Kollege, sondern auch ein guter Freund. Wir kennen uns lange, ich habe mit meiner Familie mehrere wundervolle Sommer bei ihm in Connecticut verbracht, vor allem verbindet uns eine schöne und stimulierende Zeit an der Hamburger Universität. Eben diese nimmt Mink nun zum Anlass, mir in Erinnerung zu rufen, wieviel wir beide unserem damaligen Professor Klaus Bartels zu verdanken haben. Ich kann ihm nicht widersprechen, ganz im Gegenteil: Wenn ich mir dennoch den einen oder anderen Seitenhieb auf die Franzosenlehre erlaube, die uns damals die Fragwürdigkeit der Vernunftbegriffe nahe legte, dann nicht wegen, sondern trotz der Bartelschen Oberseminare. Die Anstrengungskultur, für die der Literaturwissenschaftler schon eintrat, als allenthalben noch vom herrschaftsfreien Diskurs die Rede war, hatte übrigens den für uns durchaus angenehmen Nebeneffekt, dass wir nie die beengte Atmosphäre einer Massenuniversität kennengelernt haben. Die Literaturliste, die Bartels am Anfang seines Semiars verteilte, sorgte zuverlässig dafür, dass sich beim nächsten Mal nur noch diejenigen einfanden, die bereit waren, das Lesepensum zu erledigen. Die Zahl schwankte zwischen 12 und 15 Teilnehmern.

Etwas anders verhält sich der Fall bei meinem Kollegen Matthias Matussek, der das Buch zum Anlass genommen hat, erst sein Coming Out als Wiederlinker zu erklären, und dann für alle, die noch nicht begriffen hatten, wie ernst es ihm damit ist, am Wochenende noch einmal nachzulegen (“Das Problem Fleischhauer”). Anlass hierfür bot ihm eine Antwort, die ich für die “Achse des Guten” verfasst hatte und in der ich meine Vorbehalte gegenüber den Grünen wiederholte, die Matussek nun zur neuen politischen Heimat erkoren hat. Irgendwie scheint das Engagement für die linke Sache schwer aufs Gemüt zu schlagen, fröhlicher jedenfalls schaut niemand nach der Konversion aus der Wäsche. Kein Kapitel meines Buches hat mir so wütende Kommentare eingetragen wie das über die Linke und den Humor: Ich kann nach den bisherigen Reaktionen nicht sagen, dass ich allzuviel Grund sehe, es in der nächsten Ausgabe stark zu überarbeiten.

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6 Kommentare

  1. Damit wir alle wissen wovon hier die Rede ist: Eine besondere Perle des neukonservativen Fleischhauerhumors fand sich im letzten Satz seines juengsten Spiegelartikels:”Grass gehoert einer Generation an, fuer die Treue noch ein Begriff der Ehre ist, damals wie heute.” Ein bischen auf Stuermerniveau aber sonst extremly funny. Das wird die Generation aber amuesieren…

    Comment by Berthold Theelen — 15. September 2009 @ 14:33

  2. Als ich die beiden Texte von Fleischhauer und Matussek las, kam die Frage wieder auf, worin unterscheiden sich denn nun eigentlich gemäßigte „Linke“ und „Rechte“, ersatzweise „Konservative“ usw. Irgendwie sehe ich Katzen um einen heißen Brei laufen – oder ist es doch nur Imponiergehabe, um an Lufthoheit zu gewinnen?

    Comment by Karl — 16. September 2009 @ 17:21

  3. Ich habe aus den vielen Jahren des politischen Lebens gelernt, zuletzt aus dem Verhalten von Gerhard Schröder, Joschka Fischer, und natürlich auch einem Jan Fleischhauer, dass die Oberschicht so viel Geld hat, dass sie sich jeden Menschen so zurechtstutzen kann dass er ihr Helfer wird.

    Ich würde deshalb Niemals mehr einem Linken die Stimme geben, der aus der armen Schicht kommt und nach oben will, denn der ist auf jeden Fall käuflicher als eine Person die schon immer reich war und heute die Schicht der Armen vertritt. Diese Person die schon immer reich war, ist auf jeden fall weniger käuflich als die Person die aus dem Milleu der Arbeiterschicht kommt. Die Armen selbst können ihre Interessen sowiso nicht selbst wahr nehmen. Sie werden noch nicht einmal wählen gehen um diejenigen zu wählen die ihre Interessen wirklich wahr nehmen.

    Von der Art eines Jan Fleischhauers gibt es nicht nur viele. man könnte sagen, diejneigen die aufrecht bleiben, sind die Ausnahme. Ein Oskar Lafontaine z.B., der sich nicht korrumpieren ließ, genießt bei mir das höchste Ansehen.

    Das ist die Erfahrung die ich sehe.

    Comment by Lampe — 7. Oktober 2009 @ 12:22

  4. “Ich kann nach den bisherigen Reaktionen nicht sagen, dass ich allzuviel Grund sehe, es in der nächsten Ausgabe stark zu überarbeiten”.

    Eben, weil sie Argumenten nicht zugänglich sind: Harry Rowohlt, Rocko Schamoni, Klaus Bittermann, Nick Hornby u.v.m. Und, was haben diese gemeinsam? Mindestens zwei Dinge: 1.) Jeder ist alleine 1000 x witziger und geistreicher als Sie. 2.) Alle sind links. Sie sind rechts, unwitzig und nicht lernfähig.

    Comment by peter — 7. Oktober 2009 @ 19:32

  5. Ein Geheimnis wird gelüftet!

    Herr Fleischhauer ist natürlich ganz und gar nicht aus Versehen konservativ geworden.
    Vielmehr handelt es sich bei diesem Vorgang um ein bekanntes Phänomen und Prinzip, das
    wir unter dem Namen „Selbstnobilitierung“ kennen.

    Die Selbstnobilitierung aufgestiegener Schichten ist ein bekanntes Phänomen, das wir in allen Hochkulturen beobachten können: sobald Personen über die Quellen ihres Reichtums hinauswachsen, beginnt eine aufwändige Ästhetisierung ihres Lebens.

    Sobald also ein zum schreibenden Journalisten aufgestiegener Fleischhauer sich nicht mehr erklären kann, warum er für eine Handvoll geschriebener Zeilen mehr verdient als eine Hebamme im Kreiskrankenhaus, beginnt das für das eigentliche Leben nutzlose Herausputzen mit Manschettenknöpfen, Anzug, Schlips und gestärktem Hemd (alle zusammen versteifen zwar die Körperhaltung vor der Kamera, – dies macht aber noch keine Haltung aus, wie wir sie verstehen).

    Es handelt sich bei all dem Putz und Tand um Symbole, ja Werkzeuge des Aufstiegs und Mittel der zeremoniellen Selbstabgrenzung nach unten. Aus dem Korsett des konservativen Dresscodes wird dann im Rahmen der sichtbaren Selbstvergewisserung und im Zirkelverfahren eine der Ursachen des Wandels zum Konservativen.

    Der Zirkelbezug bedingt übrigens den schalen Beigeschmack und die hohle Fadheit des von J. F. bei sich selbst verorteten Humors: Was für ein Glück, „dass wir nie die beengte Atmosphäre einer Massenuniversität kennen gelernt haben“. – Das war mal ein wirklich guter Witz!

    Nun, nach getaner Arbeit, ein Gläschen Danziger Goldwasser mit echtem Blattgold – die Goldpreise steigen ja schließlich! Zum Wohl!

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 11. November 2009 @ 17:41

  6. Gegen linke Politik zu polemisieren ist wirklich überflüssig, denn sie ist die einzige Politik, die sich für den Menschen einsetzt – der Rest ist Lobbyismus, siehe Möllemann und Westerwelle.

    Comment by Religionsgegner — 16. Februar 2010 @ 16:40

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