Bundeswehr

Studio Kundus

Einen “zynisch getarnten glatten Mordversuch” nennt Friedrich Küppersbusch in der “Taz” den deutschen Luftangriff in Afghanistan. Dem Fernsehjournalisten, dessen linke Reflexe noch immer einwandfrei funktionieren, kommt damit das Verdienst zu, das auf seiner Seite grassierende Unbehagen über den von einem deutschen Oberst angeordneten Bombenabwurf in klare Worte gefasst zu haben. Sicher, auf den ersten Blick scheint es etwas widersinnig, die Vernichtung des Gegners im Kampfeinsatz als “Mordversuch” einzustufen, schließlich sollte ja nach landläufigem Verständnis genau dies das Ziel von Operationen sein, die aus gutem Grund in die Hände von Soldaten und nicht in die von Politikern oder Diplomaten gelegt werden. Außerdem war in diesem Fall der Versuch auch noch vom Erfolg gekrönt: Mindestens 56 getötete Taliban zählten Nato-Offiziere bei einem ersten “body count”, wenn überhaupt müsste man also von einem “glatten Mordanschlag” sprechen.

Vielleicht ist es an der Reihe, sich einmal zu fragen, wie denn ein verantwortungsvoller Umgang mit der Waffe aussehen könnte? Schon die “gezielte Tötung” feindlicher Kämpfer gilt ja als ein so fragwürdiger Vorgang, dass sich nun ein Untersuchungsausschuss im Bundestag damit beschäftigen muss. Ganz wichtig ist zunächst, wie auf jeder guten, deutschen Demo, die richtige Deeskalationsstrategie: Wer Uniform trägt, und das sind in Afghanistan nun einmal die Vertreter der westlichen Ordnungsmächte, hat darauf zu achten, dass er den Gegenüber nicht durch sein Auftreten herausfordert oder gar zu Gewaltakten provoziert.

Auf Patrouille mit Lieutenant Küppersbusch sollte man sich also nur mit gesicherter Waffe im feindlichen Gelände bewegen; das martialische Gerät, das Soldaten so mit sich herumschleppen, dient nach diesen bundestags-tauglichen “Rules of Engagement” als eine Art protokollarisches Requisit, von dem allenfalls zur Selbstverteidigung Gebrauch gemacht werden darf, und auch das nur in der denkbar untödlichsten, also nicht zielgerichteten Form. Bei der Begegnung mit Taliban empfiehlt sich das geduldige Gespräch über einer Tasse grünen Tees, der zivilisierte Austausch unter Dialogpartnern, wie man ihn bei den multikulturellen Stadtteilfesten im heimischen Kiez eingeübt hat. Was für eine Schande, kann man nur sagen, dass Camp Kundus kein Fernsehstudio ist und sich die Taliban bislang den westlichen Toleranz- und Dikursangeboten hartnäckig verweigern. So kommt es, dass deutsche Soldaten lieber bei Ausweichmanövern in ihrem eigenen Panzer ersaufen, als dem Feind in die Parade zu fahren.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat den Befehl zum Luftschlag in einer ersten Stellungnahme als “militärisch angemessen” bezeichnet – tatsächlich sind es ja vor allem Verfahrensfehler, die dem befehlgebenden Oberst angelastet werden. Wie eine Auswertung interner Dokumente zeigt, ist der Angriff bei den lokalen Behörden, also denjenigen, die sich über die Natur der Taliban keine Illusionen machen, auf nahezu einhellige Zustimmung gestoßen. Seit dem 10. Dezember gilt der Einsatz nun nach Ansicht des Ministers als “militärisch nicht angemessen”. Was Guttenberg zu dieser Neubewertung veranlasst hat, ist bis heute nicht klar. Er selber hat sich auf Dokumente berufen, die ihm zum Zeitpunkt seiner ersten Einschätzung noch nicht bekannt gewesen seien. Diese Begründung ist nachweislich unsinnig: Alle wesentlichen Informationen zur militärischen Beurteilung des Bombenangriffs lagen ihm seit Dienstantritt vor, der von der “Bild”-Zeitung ans Licht geförderte Feldjägerbericht, auf den er sich nun beruft, tut in diesem Fall nichts zur Sache. So drängt sich der Eindruck auf, dass Guttenbergs Neubewertung weniger militärisch, sondern vielmehr politisch begründet ist: Offenbar hält er es nun für opportun, die “gezielte Tötung” des Feindes ebenfalls problematisch zu finden, das aber könnte sich als sein eigentlicher Fehler erweisen.

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6 Kommentare »

  1. Der Streit, um die Kundus Affäre sollte endlich beigelegt werden. Schneiderhan hat schon seinen Hut genommen und damit sollte es gut sein, aber nein Guttenberg wird der Unwahrheit bezichtigt. Auch Ruprecht Polenz, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschuss im Bundestag legt nun Schneiderhan nahe den Konflikt beizulegen. Sein Entlassungsgesuch ist ebenfalls aufgetaucht, das Guttenberg nun doch entlastet. Meiner Meinung nach war der Angriff notwendig, wenn man einen gezielten Schlag auf Taliban ausüben kann, dann sollte man das doch auch tun.

    Kommentar von Nino — 18. Dezember 2009 @ 09:54

  2. ist ja schon ein pleonasmus an und für sich, wenn man im krieg über ethik und moral filosofiert. wenn man dann noch wortspielereien als bewertungskriterien heranzieht, so hört der spass endgültig auf. ob populistisch, juristisch oder wie auch immer formuliert, krieg bleibt krieg.

    Kommentar von Lupe, der Satire-Blog — 21. Dezember 2009 @ 18:46

  3. Hallo:

    Ich frage mich wie es sein kann, dass die Taliban, die ja laut Bericht während des Luftschlags zugegen waren, den Zivilisten erlaubten das Benzin abzuzapfen? Deren Interesse muesste doch gewesen sein, den Sprit dem geplanten Zweck zuzuführen.

    Um auf den Blog besser einzugehen, fehlt mir, ehrlich gesagt, das Verständnis über diese Art von Krieg und das sichere Gespür für richtig und falsch. Wann haben Soldaten richtig und wann falsch gehandelt? Wann hat ein Minister richtig und wann hat er falsch gehandelt? Die Kriterien für Sieg, Niederlage, Erfolg und Misserfolg sind doch ganz andere als in allen Auseinandersetzungen zuvor. Wie sollen Soldaten reagieren, wenn beispielsweise aus einen bewohnten Hochhaus Raketen abgefeuert werden? Was ist in einen solchen Falle vertretbar? Wie und über was soll ein Minister informieren? Was wird bei der Bevölkerung und bei der Presse als langfristig als militärischen Erfolg akzeptiert?

    Sind Grundsätzlich keine zivilen Opfer erlaubt oder ist ein bestimmten Verhältnis von zivilen Opfern und Soldaten vertretbar?

    Meine Meinung ist, dass solche und ähnliche Fragen zuerst geklärt werden müssen, um das Verhalten eines Ministers beurteilen zu können.

    Kommentar von Joerg — 21. Dezember 2009 @ 20:23

  4. Alle irre geworden. sorry, das ist mein eindruck.

    lese gerade den neuen spiegel (dürfen deutsche töten?) - eine ausgabe die ich aufbewahren werde, heia das wird ein spass, wenn ich die in 10 jahren nochmal durchblättern kann.

    schöne weihnachtstage wünsche ich ihnen, herr fleischhauer.

    Kommentar von Roland Wolff — 23. Dezember 2009 @ 16:31

  5. Den Beitrag über Frau Käßmann finde ich grossartig, weil er pointiert und sachlich bleibt, trotz des klaren, vernichtenden Urteils der eher emotionalen als verantwortlichen Ausagen der Bischöfin.
    Danke für solche klaren Analysen.

    Kommentar von C.M.Baumann — 12. Februar 2010 @ 20:37

  6. Armee Outdoor…

    Bislang war ich zu allem Entsetzen nur auf Berichte gestossen, die zu dem Thema nicht wahrlich viel hervorbrachten. Umso schoener auf Seiten wie dieser noch ebenso verstaendliche wie nuetzliche und verwertbare Informationen finden zu koennen….

    Trackback von Armee Outdoor — 9. März 2010 @ 01:12

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