Kirche und Staat

Letzte Wahrheiten

Die Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, die gerade in dieses Amt berufene Hannoveraner Landesbischöfin Margot Käßmann, zeigt sich irritiert, dass ihre Neujahrspredigt so viel öffentliche Aufmerksamkeit und Widerspruch erfährt, ja, sie ist geradezu “schockiert”, wie ihre Worte zu Afghanistan von manchen verstanden werden.

Zunächst einmal ist dazu anzumerken, dass es fraglos komisch wäre, von einer Bischöfin, einer evangelischen dazu, ein Bekenntnis zum beherzten Kriegführen zu erwarten. Die neuzeitlichen Vertreter der Kirche stehen dem militärischen Einsatz, auch dem im demokratischen Auftrag, naturgemäß skeptisch gegenüber. Der Satz Jesu, dass derjenige, der einen Schlag auf die eine Wange erhalten habe, auch noch die andere hinrecken müsse, wird als deutliche Verpflichtung zum praktischen Pazifismus verstanden. Anderslautende Empfehlungen des alten Testaments gelten als veraltet; diese Reformation hat die evangelische Kirche spätestens in der zweiten Hälfte 20. Jahrhundert so gründlich durchgesetzt, dass bereits jede Erwähnug des alttestamentarischen Vergeltungsgebots heute als schlimmer Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten verstanden wird.

Was bei den Einlassungen der Bischöfin zum Widerspruch reizt, ist der Empfehlungscharakter ihrer Predigt, die politische Sprechhaltung, die auf Reformen zielt und Forderungen erhebt, in diesem Fall, nicht weitere “Einsatztruppen” nach Afghanistan zu schicken, weil dies den “zivilen Teil” der Operation weiter schwächen würde, an dem aus Käßmanns Sicht die Legitimation des ganzen Unternehmens hängt. Wer sich auf das politische Geschäft einlässt, muss sich fragen lassen, wie denn die Alternative aussehen könnte zu dem von ihm verworfenen Weg, im Konkreten: Wie die westlichen Verbündeten mit Höhlenkriegern umgehen sollen, die lieber Bomben auf Marktplätzen zünden als friedlich über eine Zukunft für ihr schönes Land zu debattieren.

Die Antwort darauf, nämlich die Forderung nach “mehr Phantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen”, wirkt in ihrer Teestuben-Einfalt seltsam undurchdacht, man kann auch sagen: sie ist schlichtweg albern. Dass die Bischöfin zum Thema Afghanistan ausdrücklich nicht als Privatperson spricht, sondern im Namen aller Gläubigen (“als evangelische Kirche sagen wir”) und damit von einer höheren moralischen Warte, macht die Sache nicht besser. Die Berufung auf Gottes Wille in Fragen der Tagespolitik empfiehlt sich vielleicht bei ursupartorischen Akten, die die Referenz außerparlamentarischer Instanzen zwingend machen; im Alltag wird kein Argument dadurch besser, dass man ihm die Gloriole der letzten Wahrheit zu verleihen sucht.

Gerade in der evangelischen Kirche gibt es einen unseligen Hang, zu den vermeintlich “brennenden Fragen” der Zeit Stellung nehmen zu wollen, immer im Bemühen, irgendwie aktuell zu wirken und so die Botschaft des Herren für die Menschen “erlebbar” zu machen, wie es gerne heißt. Weil natürlich auch kein braves Pfarrerlein weiß, wie sich die großen Weltkonflikte lösen lassen, bleibt es bei Gemeinplätzen und Windbeuteln wie eben dem, dass Waffen keinen Frieden schaffen (ein übrigen auch empirisch mehrfach widerlegter Satz). Im Gegensatz dazu steht eine eigenartige Scheu der Kirchendiener, ihrer Gemeinde ins Gewissen zu reden, also da konkret zu werden, wo sie wirklich etwas zu sagen hätten. So verbindet die moderne Predigt zwei besonders unangenehme Seiten politischer Sprache: Die Feigheit vor dem Publikum, das die Ermahnung ja krumm nehmen könnte, mit der Flucht ins ungelenk Abstrakte, das bedeutsam wirken soll, aber oft genug nur bedeutunglos ist.

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13 Kommentare

  1. Frau Käßmanns Äußerungen sind wieder einmal ein klassisches Beispiel für die Argumentationslinie von Menschen, die das Glück haben, sich nicht selbst mit dem Prozess der Friedenschaffung befassen zu müssen, sondern nur als Zaungäste gute Ratschläge verteilen.
    Ich hätte gerne auch nur einen einzigen konkreten Vorschlag von Frau Käßmann gehört, wie sie sich ihr Mehr an “Phantasie” für den Frieden vorstellt.

    Comment by Birgit Kelle — 8. Januar 2010 @ 14:02

  2. Man muss mit der Predigt von Bischöfin Käßmann nicht glücklich sein. Gleichwohl liegt ein Mißverständnis vor, wenn Fleischhauer den Vorwurf äußert, Frau Käßmann beziehe eine “höhere moralische Warte”, wenn Sie im Namen der evangelischen Kirche spreche. Nach evangelischem Verständnis ist die empirisch wahrnehmbare Kirche eo ipso gerade kein Wahrheitsgarant. Sie irrt sich bis an das Ende der Welt. Oder wie Luther drastisch formulierte: Maxima peccatrix est.

    Comment by Henning Reinhardt — 8. Januar 2010 @ 15:04

  3. Es ist halt kein Zufall, dass wir Staat (Politik) und Kirche (Religion) trennen.

    Comment by Jascha — 10. Januar 2010 @ 00:54

  4. Sehr geehrter Herr Fleischhauer,

    könnten Sie vielleicht eine Quelle dazu nennen, dass es mehrfach widerlegt ist, dass Waffen keinen Frieden schaffen?

    Im Übrigen ein sehr interessanter Artikel. Besärkt mich in meiner Haltung, von der evangelischen Kirche in Deutschland nicht besonders viel zu halten.

    MfG, AD

    Comment by Andreas Dietrich — 10. Januar 2010 @ 13:33

  5. Der Frau Käßmann tritt Herr Todenhöfer würdig zur Seite: http://cora-stephan.blogspot.com/2010/01/bumerang-todenhofer.html. Beste Grüße!

    Comment by Cora Stephan — 11. Januar 2010 @ 18:38

  6. Liebe Margot Käßmann!

    Bitte lassen Sie sich nicht beirren vom Egoismus derjenigen, die die Welt nicht nur für ihren Egoismus mit Waffen, sondern auch mit Ihrer Lebensweise verwunden, eine Lebensweise die in der „Welt online“ am 08.12.2008 beispielhaft wie folgt beschrieben wird:
    „Deutschland verkauft 13 Prozent mehr Waffen
    Deutschland hat seine Stellung als drittgrößter Rüstungsexporteur behauptet. Im vorigen Jahr legten die Ausfuhrgenehmigungen für die Hersteller um ein Achtel zu. Insgesamt macht das rund eine Milliarde Euro aus. Die beiden Kirchen kritisieren, dass die Regierung diesen Anstieg noch nicht selbst veröffentlicht hat.“ (2008)
    Natürlich müssen hochmütig wirken wollende, konservative Egoisten wie F. & Co (z. B. der Motorradfahrer Struck) es Freiheit, ja die Freiheit am Hindukusch, nennen, wenn sie die Waffen sprechen lassen wollen. Doch Freiheit wird nur dann nicht zur Willkür, wenn sie an der Wahrheit orientiert bleibt. Ja, erst die Wahrheit macht wirklich frei (vgl. Joh 8,32). Zur Wahrheitsfindung lohnt sich daher ein Blick in die Vergangenheit:

    Bereits am 05.07.2006 wies der Afghanistan-Kenner und ehemalige Bundeswehr-Offizier Erös im Rahmen einer Veranstaltung der katholischen Kirche in Fulda auf die politische Fehler der USA und Deutschlands hin: er informierte seine Zuhörer darüber, dass 2002 die Wiederherstellung der Monarchie des noch lebenden Königs Zahir Schah, der das Land in seiner Blütezeit von 1933 bis 1973 regiert hatte, die richtige politische Option gewesen wäre. Stattdessen hätten die Amerikaner aber auf eine Regierung gesetzt, die sie kontrollieren konnten. “Der Islamismus entstand übrigens im Afghanistankrieg, als viele der Widerstandsgruppen durch den Westen mit Waffen (siehe oben, welt online) unterstützt wurden, ohne dass man sich darum kümmerte, ob dies nun ,gute’ oder ,schlechte’ waren”, rief Dr. Erös in Erinnerung.

    Selbst eine große Militärmacht könne ein Land wie Afghanistan nicht “sichern”, wie schon das Scheitern der Sowjets beweise. Die Wahlbeteiligung etwa in von Erös’ in Afghanistan eingerichteten Schulen, die nicht von ausländischer Militärpräsenz geschützt wurden, sei wesentlich höher gewesen als die der von den US-Truppen gesicherten Wahllokale, stellte der Referent fest. Auch sparte er nicht mit Kritik an der bundesdeutschen Politik, die sich ganz auf den Kurs der USA eingelassen habe.

    Liebe Bischöfin Käßmann, daher gilt heute wie zu allen Zeiten Jesu Mahnung zum eindeutigen und furchtlosen Bekenntnis:

    “Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.” (Mt 10,32-33)

    Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
    Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
    Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

    Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.
    Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
    Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein” (Mt 5,3-11).

    Richten wir also ein zweites Mal den Blick in die Vergangenheit:

    Aachen – 09.10.07. Anlässlich der Entscheidung über die Verlängerung des Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppen-Mandats im Bundestag am 12. Oktober kritisiert Misereor die Pläne der Bundesregierung, die bisher getrennten Mandate der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppen (ISAF) und des Tornado Einsatzes zusammenzufassen.
    “Allein das ISAF-Mandat, das für die Hilfe zum Aufbau ausgelegt ist, birgt die Chance auf eine Befriedung und Entwicklung Afghanistans”, erklärt Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. Der Einsatz von Tornados weiche das rein defensive Mandat der Bundeswehr zunehmend auf und eine Fortsetzung der Operation Enduring Freedom führe zu einer Eskalation der Gewalt, so wie es in den letzten Monaten zu beobachten war.
    Misereor fordert eine stärkere Fokussierung der zivilen Aufbauarbeit durch die Hilfs- und Entwicklungsorganisationen in Afghanistan. Vor allem dürften die Regionen nicht weiter vernachlässigt werden, in denen die Situation noch friedlich sei, wie beispielsweise im zentralen Hochland Hazarajat. “Es müssen verstärkt die Menschen unterstützt werden, die nicht mit Terroranschlägen auf sich aufmerksam machen. Sonst verlieren die internationalen Anstrengungen zu Befriedung von Afghanistan den Rückhalt derjenigen, die mit friedlichen Mitteln den Aufbau ihres Landes betreiben wollen”, so Bröckelmann-Simon. – Soviel zur Fantasie für den Frieden.

    Liebe Bischöfin Käßmann! Im Zusammenhang mit der christlichen Hoffnung kann eine recht verstandene Utopie insofern hilfreich sein, als Christen sich nie mit den bestehenden Verhältnissen in der Welt abfinden dürfen, sondern immer bestrebt sein müssen, das Ungenügen und das Unrecht in der Welt zu erkennen und auf eine bessere Welt hinzuarbeiten.

    Darum ein weiterer Blick in die Vergangenheit, eine Stellungnahme christlichen Organisation Pax Christi aus dem Jahre 2007:
    Pax Christi-Generalsekretär Voß: Afghanistan braucht jetzt einen Strategiewechsel
    Bad Vilbel – 10.10.07. Am Freitag dieser Woche wird der Bundestag die Verlängerung von zwei der drei Bundeswehr-Mandate in Afghanistan voraussichtlich mit großer Mehrheit beschließen. Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit gegenüber dem afghanischen Volk und der Regierung Karsai werden immer wieder als Hauptmotive dafür betont. Mit einem “Weiter so” ist es aber nicht mehr getan. Es muss jetzt ein Strategiewechsel eingeleitet und mit dieser Verlängerung der Bundeswehrmandate für ISAF und Tornados verknüpft werden.

    Das heißt auf jeden Fall: Ablehnung der Fortsetzung des Enduring Freedom-Mandats, über das Ende dieses Jahres im Bundestag abgestimmt werden soll, sowie eine klare Trennung von Kriegseinsatz und Aufbaubemühungen. Pax Christi hat den “Krieg gegen den Terror” und den damit begründeten Einmarsch in Afghanistan stets abgelehnt und sieht diese Trennung seit dem Einsatz der Tornados nicht mehr gegeben. Deshalb wendet sie sich der Forderung eines Abzugs der Bundeswehr als deutlichem Zeichen eines Strategiewechsels zu. Notwendig sind die Rückgewinnung des Primats der Politik, d.h. ein Ende der Fixierung auf militärische “Lösungen”, breiter gesellschaftspolitischer Dialog und kompetenter Wiederaufbau ökonomischer, rechtsstaatlicher und zivilgesellschaftlicher Strukturen.

    Viele in Afghanistan tätige Entwicklungsorganisationen (z.B. Caritas International, Deutsche Welthungerhilfe und medico international) berichten, dass sich die Erwartungen und Hoffnungen der afghanischen Bevölkerung auf Besserung ihrer Lebensverhältnisse nach dem Sturz der Taliban nicht erfüllt hätten und viele sich ihnen deshalb wieder zuwendeten.

    Pax Christi befürchtet, dass sich die Bundeswehr im Rahmen der ISAF-Verbände zukünftig nicht mehr auf die “militärische Friedenssicherung” konzentrieren und Milizen und “Warlords” entwaffnen wird, sondern immer stärker in Kriegs-Aktionen hineingezogen wird. Die Verknüpfung von “Krieg gegen den Terror” und zivilem Wiederaufbau in Afghanistan ist mittlerweile eine politische Falle, die sowohl die Glaubwürdigkeit des bisherigen Bundeswehreinsatzes als auch die Arbeit der Entwicklungsorganisationen in Frage stellt. Damit erweist sich auch das Konzept der zivil-militärischen Kooperation in den “Provincial Reconstruction Teams” als landesweit nicht übertragbar und letztlich gescheitert.

    Für den Wiederaufbau des Landes brauchen die zivilen Akteure nicht den Schutz des Militärs, sondern der Politik, insbesondere auch eine gezielte, d.h. deutlich erhöhte und organisatorisch verbesserte finanzielle Förderung für Entwicklungsprojekte und Zivilen Friedensdienst.

    Und so kommen die in der Organisation VENRO zusammengeschlossenen entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen im November 2009 ebenfalls zu folgender Einschätzung der Lage:

    Hilfsorganisationen kritisieren Militäreinsatz

    Bonn, 24. November 2009 – Hilfsorganisationen haben die neue Bundesregierung zu einem grundlegenden Strategiewechsel in Afghanistan aufgefordert. Statt mehr Soldaten in den Krisenstaat am Hindukusch zu schicken, sollte der zivile Wiederaufbau vorangetrieben werden. Zudem müssten Frauenrechte und die Pressefreiheit endlich durchgesetzt und die demokratische Teilhabe der Bevölkerung verbessert werden, so der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO).
    „Trotz des internationalen Militäreinsatzes hat sich die Situation der afghanischen Bevölkerung dramatisch verschlechtert. Sie leiden unter Armut und Hunger und der prekären Sicherheitslage“, sagt Jürgen Lieser, stellvertretender VENRO-Vorstandsvorsitzende. Gerade bei jungen Afghanen wachse der Zorn gegenüber den ausländischen Besatzern. Immer mehr würden sich bewaffneten Widerstandstruppen anschließen. „Vom Ziel, ein stabiles Afghanistan zu schaffen, sind wir weit entfernt.“
    Lieser stellte anlässlich der Afghanistan-Konferenz „Mission Impossible am Hindukusch?“ in Berlin ein neues VENRO-Forderungspapier vor. In dem Papier verlangen in Afghanistan tätige deutsche Hilfsorganisationen einen grundlegenden Kurswechsel der Afghanistan-Politik.
    Es gebe zwar vereinzelte Erfolge, etwa bei der Gesundheitsversorgung oder Schul- und Berufsbildung, aber die seien nicht ausreichend. Afghanistan ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt – trotz der Mittel, die bisher für den Wiederaufbau und die Entwicklungshilfe bereit gestellt worden sind.
    „Die neue Regierung muss dem zivilen Einsatz Vorrang einräumen und dies auch finanziell unterfüttern. Zurzeit entsprechen die Mittel, die für den zivilen Wiederaufbau bereit gestellt werden, nur einem Bruchteil dessen, was Deutschland für den militärischen Einsatz bereit stellt“, so Lieser.
    Lieb Bischöfin Käßmann,
    Ihre Neujahrspredigt hat daher die richtigen Fragen gestellt. Nur wer bösartig ist, kann die Forderung nach mehr Fantasie (siehe oben, VENRO) als Fantasterei abtun. Doch fragen wir zunächst: Wie konnte es eigentlich, historisch gesehen, zur Hinrichtung eines Mannes kommen, der nichts anderes als die Liebe Gottes verkündete und zur Liebe unter den Menschen aufrief, der Kranke heilte, Arme und Verzweifelte aufrichtete, dabei aber Aufruhr und Gewalt verurteilte? Wie kann es heute zur lautstarken Attacke, ja zu heftigem Gekläffe vor allem der Journaille gegen eine Friedensstifterin kommen?

    Historisch lassen sich im Kräftespiel gesellschaftlicher Gruppen und politischer Strömungen genügend Gründe nennen, um die Beseitigung eines unbequemen Volksführers und lästigen Mahners (heute einer lästigen Mahnerin) begreiflich zu machen. Auch Johannes der Täufer hatte das Schicksal nicht weniger Gottesmänner und Propheten in Israel geteilt. Jesus geriet mit seiner Zuwendung zu unterdrückten Klassen, seiner Kritik an pharisäischer Gesetzesübung und sadduzäischer Tempelverwaltung, durch sein offenes Wort und sein provozierendes Verhalten in Konflikt mit den herrschenden und einflussreichen Kreisen seines Volkes. Doch auch die Menge des Volkes, die ihm als Arzt und Wundertäter zuströmte und seinen Predigten begierig zuhörte, drang nicht zu einem klaren und entschiedenen Glauben vor.

    Stattdessen ergehen sich egoistische Zeitgenossen in Religionskritik und Kritik an einer friedliebenden Neujahrsbotschaft, und meinen als mündig gewordene Menschen auch den Gottesglauben erklären zu können: als Wunschbild und Wunscherfüllung des Menschen (L. Feuerbach, S. Freud), als Ausdruck und Rechtfertigung einer schlechten Welt, als Vertröstung und als Opium des Volkes (K. Marx), als Zeichen des Ressentiments gegen das Leben (F. Nietzsche). Wird Gott so verstanden, dann ist er nicht nur entbehrlich, er ist auch hinderlich für die freie Selbstverwirklichung des Menschen und für die Wahrnehmung seiner Verantwortung in der Welt. So wurde Gott als tot erklärt (F. Nietzsche), nicht nur im Namen der Wissenschaften, sondern auch im Namen des Menschen und seiner Freiheit.

    Der moderne Atheismus, auch der des Herrn Fleischhauer, hat viele Gesichter. Es ist nicht nur der schal-säuerliche Humor der zu spät kommenden Weintrinker-Schickeria, die nicht mitbekommen hat, dass die horstige Komik von der Teestube in die 80iger gehört, nein, es begegnet uns im Fleischhauer der für westliche Gesellschaften typische, indifferente Atheismus. Er ist selbst müde und weithin gleichgültig geworden und bekämpft die Religion zumindest nicht mehr offen. Der Gottesglaube ist für ihn überholt; er meint, die letzten Überreste der Religion würden von selbst absterben. Nicht weit davon entfernt trottet der platte Atheismus, der nur das annimmt, was man mit den Sinnen wahrnehmen oder mit dem Verstand beweisen kann. Daneben gibt es den Atheismus der Freiheit und Befreiung des Menschen von Abhängigkeiten aller Art, auch der Befreiung von einem allmächtigen Gott und von einem religiösen “System”, das die Freiheit der Presse, der Autofahrer und Konsumenten beengt und das Leben der marktliberalen Betriebswirtschaft unterdrückt. Am wichtigsten ist der Atheismus, der von der Erfahrung des Bösen in der Welt betroffen ist und gegen einen Gott protestiert, der allwissend, allmächtig und gütig sein soll und doch all dieses sinnlose Leiden zulässt. Die Frage “Warum leide ich?” gilt für viele als der Fels des Atheismus (G. Büchner). Schließlich gibt es den skeptischen und kritischen Atheismus, der gegenüber allen Letztantworten zurückhaltend ist. Für ihn sind religiöse Fragen unbeantwortbar und darum sinnlos. Über Gott kann man nach ihm nur schweigen.

    Die böse Begierlichkeit (Konkupiszenz), von der die Tradition in diesem Zusammenhang spricht, meint nicht nur die sexuelle Begierlichkeit, sondern auch die geistige Begierlichkeit, den Hochmut, den so viele Konservative um sich herum verbreiten. Gemeint ist die Desintegration des Menschen, das Auseinanderstreben der verschiedenen Antriebskräfte, die Widerspenstigkeit des Leibes wie des Geistes gegen die Grundausrichtung der Person, die Geneigtheit zum Bösen. So ist es biblisch gut begründet, wenn das Trienter Konzil die Notwendigkeit und die Möglichkeit der Erfüllung der Gebote lehrt (vgl. DS 1536-39; NR 806-808). Das Konzil betont sogar, Jesus Christus sei nicht nur Erlöser, sondern auch Gesetzgeber (vgl. DS 1571; NR 839). Auch Paulus spricht ja vom “Gesetz Christi” (Gal 6,2). Damit wehrt sich das Konzil im Sinn des Apostels Paulus gegen ein falsches Verständnis der christlichen Freiheit, das die Freiheit vom Gesetz als Vorwand für Eigensucht benutzt, statt die Freiheit als Selbstlosigkeit in der Liebe zu verstehen (vgl. Gal 5,13).

    Wir müssen gar nicht so weit wie Tertullian gehen, der die höchste Erfüllung der Taufe und zugleich die Höchstform christlicher Existenz in der Nachfolge Jesu im Martyrium sah, der Hingabe des eigenen Lebens für Jesus Christus und die Brüder und Schwestern. Das, was Frau Kelle (und sicher auch Herr Fleischhauer) im Stahlgewitter Afghanistans gern persönlich vor Ort selbst erledigen würden: die zweite Eintauchung in der Bluttaufe des Afghanistan-Krieges. Sie ist nach der Wassertaufe die zweite Eintauchung (Tertullian).

    In ganz anderer Weise kommt die Höhen- und Tiefendimension der Wirklichkeit in der biblischen und kirchlichen Überzeugung von der Existenz der bösen Geister, der Dämonen, des Satans bzw. des Teufels zur Geltung. Es gibt nicht nur Hüter und Wächter der menschlichen Hoffnung, sondern auch Neider, Feinde und Verführer, die die Sehnsucht und Hoffnung des Menschen verwirren, gewaltsam niederhalten oder ins Maßlose, ins Dämonische hinein übersteigern; es gibt den Teufel, den Vater der Lüge (vgl. Joh 8,44). Er ist der Versucher, der uns den Himmel vergällen und verstellen will. Darum hat der Teufel den Schnaps gemacht!

    Ich öffne jetzt eine Flasche Barbados Rum von 1950 aus britischen Armeebeständen, die mir Sir David Huntington, ein entfernt verwandter Flottillenadmiral der britischen Marine einst vermachte. und freue mich auf kräftige Lederaromen, vermengt mit zarter Vanille und Zuckerrohrsud, die meine Sorgen herunter spülen werden.

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 12. Januar 2010 @ 18:47

  7. Lieber Graf zu Rosenfeld,

    gerne wäre ich dabei gewesen und hätte Ihnen gerne Gesellschaft geleistet, diesen Barbados Rum von 1950 in langsamen Schlucken und bekömmlichen Dosen und guten Gesprächen (Optimismus ist Feigheit) wenigstens zu unserem jetzigen Heil zu nutzen. Muss Ihnen ein Parvenü eines süffisanten Konservatismus wie Jan Fleischhauer Sorgen machen? Es gibt Schlimmeres, das diesen rum verdient.

    Mit freundlichen Grüssen

    Nathan Sylvester

    Comment by Nathan Sylvester — 12. Januar 2010 @ 23:18

  8. “Botschaft des Herren” – Sehr geehrter Herr Fleischhauer, wenn schon, denn schon, es heisst “Botschaft des Herrn”. Sie sind in dem Milieu nicht zuhause, auch wenn Sie inzwischen eine Krawatte korrekt binden können und einen ordentlichen Friseur und Brillenmacher haben. Schuster, bleib bei Deinen Leisten! Das Geschmäckle werden Sie nicht mehr los, ein “Konservativer” werden Sie nie! Ihr Stallgeruch ist ist Douglas Altes Moos.

    Comment by Sein — 12. Januar 2010 @ 23:51

  9. “Liebe Margot Käßmann…
    ..und freue mich auf kräftige Lederaromen, vermengt mit…”
    Der Ruf nach Schnaps ist gerechtfertigt, wenn man sich das Elaborat von Herrn zu Rosenfeld in Gänze einverleibt hat. Dazu aber dann Schweigen. Denn es könnte kränkend ausfallen, was einem an Äußerungen zu einem Rum-schlürfenden Moralisten und älteren Bonvivant einfallen mag.

    Comment by Wächter — 13. Januar 2010 @ 13:57

  10. @Rosenfeld

    Gräfliche Gnaden haben offenkundig schon vor Verfassen des Kommentars zuviel Discount-Rum intestiniert. Frl. Käßmann eine lästige Mahnerin, die beseitigt werden soll? Geht´s noch, oder sind Eure Zentrizität itzo komplett durchgeknallt?

    Comment by riccardo borghese — 14. Januar 2010 @ 17:35

  11. Der Wächter lässt uns im Dunklen stehen! Er stört sich am britischen Rum, er droht mit Kränkungen, die ihm nicht einfallen, es ärgert ihn das unbeschwerte Leben des Adels bei gleichzeitiger, geistiger Unabhängigkeit, die immer schon charakteristisch war für ihn! Denken wir allein an Helmuth James Graf von Moltke, der sagte:

    „Ich habe mein ganzes Leben lang … gegen einen Geist der Enge, der Überheblichkeit, der Intoleranz und des Absoluten … angekämpft, der in den Deutschen steckt und der seinen Ausdruck in dem nationalsozialistischen Staat gefunden hat.“

    Darum sage ich zum Wächter:

    Früher oder später trinkt ein jeder Wurzelpeter.

    Comment by Markus Gaf zu Rosenfeld — 18. Januar 2010 @ 18:32

  12. Znächt lautet die Frage: ist Ricardo ein Nachkomme der Borghese oder eine Abkömmling des Nepotismus?

    Natürlich ist die Bischöfin der chauvinistischen Journaille ein Dorn im Auge und sie schießen aus allen Rohren: von Klose bis F., von Fücks bis Diekmann, sie würden ihres Lebens froh, wenn die Teeeule Käßmann den Rand halten würde. Warum nur?
    Warum haben die Äußerungen der Käßmann ein derartiges Echo hervorgerufen? Wissen die Pharisäer um die Sprengkraft einfacher Wahrheiten? Könnte endeckt werden, was verborgen bleiben soll, das Pharisäertum?

    Ich nehme eine Flasche Veuve clicquot zu den Jakobsmuscheln in cidre. Auf Ihr Wohl Fru Käßmann!

    Comment by Markus Gaf zu Rosenfeld — 18. Januar 2010 @ 18:53

  13. Armee Outdoor…

    Es ist mitunter schon ganz witzig was auf manchen Seiten zum Thema so geschrieben steht. Der Markt an Informationsfluten scheint irgendwie immer weiter mit Undurchsichtigkeiten zu ueberlaufen und die Suche nach wirklich guten Infos darueber eher zu ers…

    Trackback by Armee Outdoor — 16. März 2010 @ 09:12

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