Sexualmoral

“Man muss aufrichtig sein, seriös”

Zugegeben, langsam ist man ein bißchen missbrauchsmüde. Keine Woche ohne neue Namen und Verdächtigungen; jetzt hat der Skandal schon die Familie Weizsäcker erreicht, die vergangene Woche noch anlässlich des 90. Geburtstages von RvW zu einer Art deutschem Kennedy-Clan ausgerufen wurde. Deshalb auch nur ein kurzer Nachtrag zu der auffälligen Scheu, zum eigentlichen Thema vorzustoßen: dem Zusammenhang zwischen Sexualmoral und pädagogischem Eros.

In der Diskussion um die Odenwaldschule, dem reformpädagogischen Vorzeigeprojekt der siebziger und achtziger Jahre, wird die Frage, welchen Einfluss die sexuelle Befreiung und mit ihr die sich gerade formierende Schwulenbewegung auf die nun in Rede stehenden Lehrer gehabt haben könnte, einfach ausgeklammert. Von der katholischen Kirche wird jetzt im Gegenteil sogar eine weitere Aufweichung ihrer Sexuallehre verlangt, in der verwegenen Annahme, das Gebot zur Keuschheit verführe zum Missbrauch, nicht etwa seine Infragestellung.

Um einen Eindruck vom politisch-kulturellen Umfeld der Zeit zu bekommen, in der sich viele der nun bekannt gewordenen Fälle zutrugen, hier ein bislang weitgehend unbekannter Auftritt des ehemaligen Studentenführers Daniel Cohn-Bendit im französischen Fernsehen am 23. April 1982. Man kann sagen, was der heutige Europaabgeordnete der Grünen da unter nervösem Gelächter der Anwesenden mitzuteilen hat, war alles nicht so gemeint –  vielleicht. In jedem Fall zeigt sein Auftritt eine profunde Grenzverschiebung in einem zentralen gesellschaftlichen Tabubereich; wer sich so in Szene setzt, ist sich seiner Sache sehr sicher. Dass sich wirkliche Päderasten in dieser Zeit der, wenn möglicherweise auch nur rhetorischen Enttabuisierung der Kinderliebe durchaus ermutigt gefühlt haben dürften, den Worten Taten folgen zu lassen, ist sicher kein ganz abwegiger Gedanke.


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6 Kommentare

  1. Kindesmißbrauch ohne “kleinbürgerliches” schlechtes Gewissen…

    Comment by Aron Sperber — 29. März 2010 @ 00:41

  2. Es ist interessant, wie linke Medienvertreter den Ball gern in Richtung Papst schieben – vor wenigen Jahren war die katholische Sexualmoral noch prüde und musste enttabuisiert werden. Entweder sind Linke nur vergesslich oder einfach charakterlos – in beiden Fällen kann man ihnen verzeihen, „denn sie wissen nicht, was sie tun“.

    Comment by Karl — 29. März 2010 @ 15:27

  3. Einfach widerlich! Warum hört man im Zusammenhang der Missbrauchsaffären so wenig von DCB? Wäre es jetzt nicht Zeit für eine persönliche Kurskorrektur?

    Comment by Henning Reinhardt — 29. März 2010 @ 16:46

  4. Wirklich erschreckend und ein echter Hammer, das Video!

    Aber – wie war das: die Infragestellung des Keuschheitsgebots verführt zum Missbrauch?! Steile These!

    Ich denke, so kommen wir nicht weiter. Gehts hier um Moral oder Gewalt? Mich interessiert Letzteres. Das Keuschheitsgebot ist Gewalt, Punkt. Und Gewalt setzt sich fort. Es wäre also durchaus im Sinne von Gewaltprävention (und nebenbei ganz profaner humanitärer Erwägungen), diesen unseligen Quatsch endlich zu beenden.

    Comment by Arvid Vormann — 29. März 2010 @ 22:09

  5. die untergriffe gegenüber dem genossen cohn-bendit sind völlig unangebracht. sexuelle freizügigkeit hat mit sexueller freizügigkeit überhaupt nichts zu tun. noch weniger als zb islam je etwas mit islam zu tun haben könnte.

    die apologeten der christlichen sexualmoral, die die alleinige schuld an allem übel der welt trägt, versuchen nur, den säkularen humanismus zu diskreditieren und ihre kinder der notwendigen aufklärung, der möglichkeit, eigene erfahrungen sammeln zu können und der erforderlichen überwindung anerzogener vorurteile zu berauben.

    welche bereicherung ihnen da entgehen würde, zeigt folgendes beispiel profunder pisa-bildung auf einer öffentlichen hamburger zwangsschule: http://bluthilde.wordpress.com/2010/03/31/hamburger-schule-betreibt-proletarische-bewusstseinsbildung/

    Comment by jahresendfluegelpuppe — 1. April 2010 @ 21:07

  6. Dieser linksalternative Kiffer würde als allererster aufbrüllen, wenn Papst Benedikt irgendeine Verfehlung begehen würde.

    Die Linken brauchen sich nicht zu rechtfertigen, sie haben auf der ganzen Linie gesiegt und die Meinungshoheit erlangt. Sie können Kinder missbrauchen im Gefühl moralischer Überlegenheit.

    Das ist die Perversion: Anstand und Kirche, Moral und Stil, Mäßigung und wahre Menschlichkeit sind out, falsch, krank, pervers.

    Richtig und wahr, da ja so locker und modern, ist das Gegenteil.

    Comment by HERB — 6. April 2010 @ 00:23

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