Missbrauch

Alles Opfer

Die Missbrauchsdebatte geht immer weiter, in einer schrecklichen Wiederholung der Vorwürfe,  einer endlosen Litanei neuer, tatsächlich aber das Bekannte bestätigenden Fälle, die nur hin und wieder durch den Auftritt einer neuen Figur unterbrochen wird. Vergangene Woche war das Bischof Mixa, gegen den die “Süddeutsche Zeitung” eidesstattliche Versicherungen von ehemaligen Heimkindern eingesammelt hat, die dem Kirchenmann Misshandlungen zu Last legen. Der eine Zögling war demnach an den Ohren gezogen worden, bei anderen setzte es Schläge auf den Oberarm. Außerdem hätten die Kinder stundenlang das Auto putzen müssen, berichtete die “Süddeutsche”.

Man fragt sich: Was kommt als Nächstes? Kardinal Meissner hat mal mit einem Schlüsselbund geworfen? Bischof Müller ist in die Kirche zu laut geworden? Wo läuft die Grenze zwischen lässlicher Unbeherrschtheit und skandalösem Vergehen?

Der Opferdiskurses ist zu verführerisch, für den Leitragenden aber auch den Zuhörer. Das Ereignis, das einen zum Opfer werden ließ, ist der Punkt, aus dem sich alles erklärt: die unvermeidlichen Niederlagen und Rückschläge, für die man nun die Verantwortung delegieren kann, das ganze verdammte Leben, das nicht so geworden ist, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat. So drängt jede Kränkung und Zurechtweisung an die Öffentlichkeit, um dort Anteilnahme zu erfahren. Weil es sich verbietet, die Opfer nach der Plausibilität der vorgetragenen Kränkungen zu befragen, da sie das  ja ein zweites mal beschämen würde, wird noch die fragwürdigste Anschuldigung für bare Münze genommen. Gleichzeitig sinken die Anforderungen, was als Demütigung oder gar als Missbrauch zu gelten hat. In den Siebzigern war eine Ohrfeige im Unterricht noch ein Ausrutscher,  heute gilt sie als Anlass für eine lange Therapiekarriere.

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13 Kommentare

  1. Ich kann gar nicht glauben, was ich in letzter Zeit alles über den Missbrauch höre und lese. Früher waren die Kirchen und Schulen Institutionen die über alles erhaben waren. Jetzt schaut man langsam dahinter, dass da auch nur Menschen arbeiten. Ich bin tief enttäuscht.

    Comment by Zelina — 8. April 2010 @ 20:02

  2. Mein ältester Bruder (schwul), zehn Jahre älter, hat auf mich, als ich ca. 11 war etwas gemacht, was man wohl einen ‘Übergriff’ nennt. Das war nachdem er mit einem anderen Bruder kurz ‘Doktorspielchen’ gemacht hat – bis es zur Sprache kam. Zur selben Zeit traf ich ihn ‘zufällig’ nach dem Schulschwimmen in der Umkleide und meine Klassenkameraden berichteten von ‘seltsamen Blicken’. Später suchte er, als wir 16, 17 waren über den konservativen politischen Bereich gezielt den Umgang mit meinen Stufenkameraden. Ohne geistig zurück zu sein (ganz im Gegenteil) pflegte er damals auch noch die Bravo zu lesen. Bin ich jetzt ein Opfer? – Natürlich leide ich deswegen kein Trauma und bin normal groß geworden. Nachdem ich es (vor der Medienaufmerksamkeit) nach Jahren zuhause ansprach, verdrängte man es. Als man ihn nach meinem Insistieren damit konfrontierte, konnte er sich ‘nicht mehr erinnern’. Studiert hat er Sozialpädagogik und liebt es mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Nach der Entlassung (wegen seiner sex. Orientierung) bei einer katholischen Einrichtung für Jugendliche, arbeitet er nun bei einem katholischen Heim für Kinder. (Obwohl er dem Glauben eigentlich abgeschworen hat und dort daran arbeitet geistlichen Einfluss zu reduzieren.) Wegen dem von mir mit ihm erlebten, kann ich nicht behaupten, dass er nun diesen Kindern auch an die Wäsche geht. Nur, die Sorge bleibt.
    Für mich war die kath. Kirche immer ein Ort des Heils: Auch wenn vielleicht mal einer langweilig war, waren alle Priester, die ich erlebte, immer gute Menchen. Die Kirche ist für mich Heimat. Der richtige Umgang mit diesem schwierigen Thema muss gefunden werden, spätestens das verdienen wahre Opfer. Wobei dabei die Gratwanderung schwierig ist sich bei dieser Medienkampagne nicht als ‘Sau durchs Dorf treiben’ zu lassen.
    Freilich argumentiere ich dennoch etwas ‘offensiv’, wenn irgendjemand freudianisch gegen das Zölibat doziert, wir müssten nur alle unsere Triebe ausleben. So sehr das Zölibat kein Dogma ist, ist so etwas ‘zum Kotzen’.

    Comment by Fidel — 9. April 2010 @ 02:16

  3. Es ist schade, dass krichliche Institutionen bei Missbrauch von Abhängigen durch ihre Mitarbeiter, dies nicht offensiv verfolgen. Auch bei anderen Institutionen, wie Schulen usw. erfolgt auch keine offensive Verfolgung. Wenn ich beim Aldi eine Tüte Milch klaue und dabei erwischt werde, dann sind gleich 2 Staatsanwälter hinter mir her. Nun ja mal schauen, wie sich unsere Gesellschaft weiter entwickelt.

    Comment by ebook-blog — 9. April 2010 @ 19:12

  4. Wohlgemerkt: es sind Anschuldigungen, die Bischof Mixa aber bestreitet!

    Comment by str — 10. April 2010 @ 11:28

  5. Die gedankliche Tiefe der Beiträge lässt noch mehr nach; die Beschwichtigungsversuche werden immer unverhohlener und in ihrer Fehlerhaftigkeit geradezu dreist.

    Es ist auch klar warum: wer als gesellschaftlicher Aufsteiger seine niedere Herkunft verschleiern (1) und brotlose Kunst unsichtbar machen möchte, und sich zu diesem Zwecke entschlossen hat, mit Pauken und Trompeten in der konservativen Wohlfühletage einzunisten, der muss, um nicht aufzufallen, sich in das Lamento derjenigen einreihen, die sich durch la<ut gewordene Missbrauchsopfer beim Zuknöpfen der weißen Weste gestört fühlen.

    Die Opfer stellen in der allein äußerlich adaptierten konservativen Optik nicht anderes als plebs dar, von dem es sich als neuer Konservativer in aller Form und immer abzugrenzen gilt. Die Abgrenzungsbewegung ist das Entscheidende, sie lässt brutale Verniedlichungen gleichgültig hervorsprudeln. Das Gefühl der Störung rührt natürlich eigentlich daher, dass die Plebejer nun ebenfalls alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zur Herstellung von Öffentlichkeit zu nutzen verstehen, die früher den Vertretern der brotlosen Künste vorbehalten waren (“So drängt jede Kränkung und Zurechtweisung an die Öffentlichkeit…,).

    Der Nachfahre des fleischverarbeitenden Gewerbes schreibt:

    “Der eine Zögling war demnach an den Ohren gezogen worden, bei anderen setzte es Schläge auf den Oberarm.”

    In der Süddeutschen heißt es:
    “Er hat mich am Kittel gepackt, aus dem Bett hochgerissen und mit der Faust mehrmals auf den Oberarm geschlagen.” …”So hat er uns geschlagen, mein Arm hatte viele blaue Flecken.” (Anmerkung: es handelte sich dabei um ein Mädchen.)

    Schon dass der Nachfahre des fleischverarbeitenden Gewerbes der Ungenauigkeit mit dem Ausdruck “Zögling” bewusst Vorschub leistet, lässt auf eine Vorliebe von Artikulationsbewegungen schließen, die Abscheu, Eitelkeit und Arroganz signalisieren sollen, wie wir es von den spitz geformten Lippen der Pfaffen, Pharisäer und Speichellecker her kennen, wenn sie Bösartiges freundlich aber bestimmt sagen wollen, etwa wenn sie von der “Sünde der Homosexualität” sprechen (Bischof Overbeck).

    An anderer Stelle heißt es:

    “Herr Mixa hat mir im Laufe der Jahre mindestens 50-mal die Hose heruntergezogen und mit einem Stock fünf- bis siebenmal kräftig auf das Gesäß geschlagen”

    Ich bin ganz und gar nicht überrascht, dass Herr Fleischhauer nunmehr Kinder, die Opfer körperlicher Gewalt durch hohe kirchliche “Würden”träger wurden, zu beleidigen versucht.

    Im Gegenteil: das häßliche Gesicht des Konservativismus kommt langsam aber sicher immer ungeschminkter zum Vorschein.

    1(“Denn hebt nicht ein hübsches, sauberes und ordentliches, zum Anlass passendes Gewand auch den Träger angenehm hervor, indem es Würde, Vornehmheit und gute Ausstrahlung verleiht?”, Wirtschaftswoche),

    Mein Auge ruht jetzt ganz friedlich auf eine Flasche Veuve Cliquot, – doch bleibt diese dem Abend vorbehalten, im Moment steht der caffe coretto noch dampfend vor mir …

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 12. April 2010 @ 16:16

  6. Ich finde ebenfalls, dass diese Missbrauchsdebatte ziemlich ermüdent zu werden droht. Es erinnert mich auch ein wenig an eine Hexenjagd. Was ist eigentlich mit dem Grundsatz: Unschuldig solange das Gegenteil nicht bewiesen wird? Gilt dieses für diese Beschuldigten nicht? Und last but not least es geht natürlich auch um die Kohle, die man von der Kirche erpressen könnte. Viel Kohle.

    Ich will da keine Kinderschänder in Schutz nehmen, und den Vorwurf des Konservatismus lasse ich mir nicht gefallen – ich bin seit meinem elften Lebensjahr Atheistin, sozial engagiert usw. usw. aber ich habe meinen gesunden Verstand behalten zum Unterschied von manchen anderen hier.

    Es wird schon so sein, wie Sie in ihrem Buch geschrieben haben: Die Linke spürt, dass sie ihre besten Tage hinter sich hat und deswegen wird sie besonders aggresiv – da ist die Sache mit dem Kindermissbrauch durch die Kirchenmänner ein gefundenes Fressen.

    Comment by Christa Alexander — 13. April 2010 @ 13:11

  7. Respekt, lieber Graf. Solch einen pseudointellektuellen Kommentar habe ich hier noch nicht gelesen.
    Wer aber so ignorant ist, und den Blogeintrag als Beleidigung von Opfern bezeichnet, obschon er abzugrenzen versucht, ob es sich bei den selbsterklärten Opfern nicht bloß um auswegsuchende, gescheiterte Normalos handelt, der muss sich eben in hirnrissige Satzkonstruktionen und Fremdwörter flüchten, oder gar kindische Wortspiele mit des Autors Nachnamen betreiben. Nicht nur einmal, sondern sogar zweimal innerhalb weniger Zeilen.

    Comment by Soschautsaus — 13. April 2010 @ 18:10

  8. Selbst der unsägliche F.J. Wagner von der Bildzeitung ist gewiefter als F., denn er kann sich noch von Mixa distanzieren. Das dürfte F. schwer fallen, nachdem er in diesem Blog versucht hatte, ihm die Stange zu halten:

    “…Ein guter Hirte lügt nicht. Ein guter Hirte schlägt seine Schafe nicht. …” (F.J. Wagner, Bildzeitung)

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 22. April 2010 @ 13:42

  9. Falsche Fragen:

    “Man fragt sich: Was kommt als Nächstes? Kardinal Meissner hat mal mit einem Schlüsselbund geworfen? Bischof Müller ist in die Kirche zu laut geworden?
    Wo läuft die Grenze zwischen lässlicher Unbeherrschtheit und skandalösem Vergehen?”

    Denn als Nächstes kommt:

    “Der belgische Bischof Roger Vangheluwe (73) tritt laut Medienberichten wegen Verwicklung in einen Fall sexuellen Missbrauchs zurück. Der Rücktritt des Bischofs von Brügge werde am Mittag von der Belgischen Bischofskonferenz und dem Vatikan bekanntgegeben, berichteten belgische Zeitungen und Rundfunksender übereinstimmend. Vangheluwe ist seit 1984 Bischof von Brügge.” (Quelle: Bildzeitung)

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 23. April 2010 @ 10:33

  10. @Pseudonum “Soschautsaus”:

    Mit Verlaub, Ihre Einlassungen sind einer Analyse wert, weil Sie Respekt anfänglich vortäuschen, um sich dann in der wiederholenden Beipflichtung zum F. zu erschöpfen, Sie tragen also zur Erklärung oder Aufhellung des eigentlichen Themas, gewalttätige Geistliche, nichts bei, so schaut es leider aus.

    Um Ihnen ein wenig weiter zu helfen, berücksichtigen Sie bitte folgendes: “… Die Art der Berichter-stattung entscheidet darüber, ob die Leserschaft die Informationen erhält, die eine rückhaltlose und ehrliche Auseinandersetzung mit dieser Form der Gewalt ermöglichen. …” (Quelle: http://www.missbrauch-opfer.info/main.asp :)

    Analytisch betrachtet ist dies der alles entscheidende Punkt: “die Art der Berichterstattung”!

    Wer nämlich angesichts acht (!) eidesstattlicher Erklärungen sowie vom Kaplan seiner Heiligkeit Mixa zunächst abgestrittener, dann eingeräumter Gewaltausübung eine Debatte über die Glaubwürdigkeit der Opfer anzettelt, so wie es der F. betreibt, der trägt ebenfalls (absichtlich) nichts zur Aufklärung der Thematik bei, sondern verwässert als schlecht bezahlter Lohnschreiber das eigentliche Thema: schlagende Geistliche. Mit genau diesem Verfahren trägt er übrigens zu jener Ermüdung bei, die im Beitrag der Atheistin Christiane Alexander zu einer Achterbahnfahrt der Gedanken führt: Missbrauchs-debatte, Hexenjagd (Hexe Mixa?) und Kohle werden in einem Akt intellektueller Zauberei in einen Topf geworfen, verrührt, so dass aus dem aufsteigenden Dampf eine besondere Aggressivität der Linken herausgelesen werden kann. Da wäre eine inquisitio fällig!

    Wer in diesem faktenreichen Gesamtzusammnehang immer noch den Blick auf “gescheiterte Normalos” oder gar “die Linken” lenken will, der will nicht über die Täter und das eigentliche Thema sprechen. So schaut´s aus!

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 30. April 2010 @ 10:48

  11. Hinweis: das lachende Icon ist nicht von mir gesetzt worden, sondern aufgrund des Doppelpunktes hinter der in der Internetadresse “…asp:” mit folgender schließender Klammer für die Quellenangabe entstanden.

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 30. April 2010 @ 10:51

  12. Jetzt, wo Mixa weg ist, suchen wir das ultimative Missbrauchsopfer, das vom Papst höchstpersönlich missbraucht worden sein will. Alles über das Casting hier:

    http://bluthilde.wordpress.com/2010/05/08/exklusiv-bei-bluthilde-offizielles-papstopfer-casting/

    Comment by harrytisch2009 — 8. Mai 2010 @ 18:31

  13. @ Mixa: siehe Kommentar Nr. 9: Was kommt als nächstes?

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 10. Mai 2010 @ 18:03

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