Intellektuelle

Engagement und Einfalt

Niemand käme auf die Idee, Gewichtheber zur Griechenlandkrise zu befragen, nur weil sie auch mal in Athen trainiert haben, oder Stabhochspringer, die irgendwann ein paar Aktien erstanden, zur Zukunft der Finanzmärkte. Man würde zu recht erwarten, dass die Antwort durchschnittlich naiv, im besten Falle unfreiwillig komisch ausfiele. Warum hält sich dann aber der Glaube, Romanautoren hätten zu politischen Fragen besonders viel beizutragen?

Irgendein Missverständnis hat aus Schriftstellern, die schöne Geschichten erfinden, Intellektuelle gemacht, die zu allem Möglichen Auskunft geben sollen, zum Klimawandel ebenso wie den Nachtseiten der Globalisierung, dem Welthunger oder dem Nahostkonflikt. Besonders letzterer ist unter dieser künstlerischen Subspezie eine brennende Sorge, zu der sie sich liebend gerne und leidenschaftlich äußern. Manchmal wird es dann selbst dem geduldigsten Verleger zu viel: Der Rowohlt-Verlag hat sich jetzt entschlossen, seinen Autor Jose Saramago lieber ziehen zu lassen, als sein Internet-Tagebuch abzudrucken, das selbst nach Meinung gutwilliger Rezensenten nicht viel mehr ist als ein  “Parolenspuk” (Wilfried Schoeller): Der Papst ist ein Schwein, Bush ein Verbrecher und die Israelis die neuen Nazis – die üblichen altlinken Ressentiments, dazu noch besonders grob vorgetragen.

Der erste, der in Deutschland in den zweifelhaften Rang des Großintellektuellen erhöht wurde, war Heinrich Böll, Autor eher zeitgebundener Stoffe, die heute keinen Menschen mehr interessieren würden, hätte ihm nicht die Akademie in Stockholm den Nobelpreis verliehen und seine Bücher damit auf die Liste für die Schullektüre befördert, wo sie nun unverrückbar stehen und jedem halbwegs interessierten Gymnasiasten die Freude an deutscher Literatur verderben. Was sein politisches Urteilsvermögen angeht, hat Böll in stupender Regelmäßigkeit bewiesen, dass er keines besaß. Tatsächlich hat er gern den haarsträubendsten Unsinn in die Welt gesetzt, was die großen Publikationsorgane seiner Zeit selbstredend nicht davon abhielt, ihn um Meinungsbeiträge zu bitten. Wehe allerdings jemand wagte, die heilige Einfalt des Dichters als solche zu benennen, dann war Böll sofort tödlich beleidigt, beziehungsweite witterte gleich einen Rückfall in schlimme Zeiten, um nicht zu sagen die Widerkehr der Barbarei, die nach seiner Erinnerung mit  der “Intellektuellenhetze” begann.

Unvergessen, wie Böll im Januar 1972 in einem Essay für den “Spiegel” die erste Generation der RAF als “verzweifelte Theoretiker” beschrieb, als “Verfolgte und Denunzierte”, die “in die Enge getrieben worden sind und deren Theorien weitausgewalttätiger klingen, als ihre Taten sind” – zu dem Zeitpunkt, als Böll diese Zeilen schrieb, waren bereits zwei Polizisten nach Schusswechseln mit den Terroristen am Tatort verblutet. Als sich der Autor dann noch selber als Märtyrer stilisierte, weil ihm, ebenfalls im “Spiegel”, der nordrhein-westfälische Justizminister Diether Possner entgegengetreten war, schrieb Dolf Sternberger eine kleine Entgegnung in der “Frankfurter Allgemeine”, die bis heute lesenswert ist, weil leicht anwendbar auf aktuelle Fälle: “Alle Welt diskutiert seine Äußerungen, er wird im Bundstag zitiert. Eine Korporalschaft amtierender Minister hat Stellung bezogen, er kann sich vor Interviews nicht retten, die Frager wissen ihn selbst auf Reisen und beim Essen ausfindig zu machen. Er aber bildet sich allen Ernstes ein, ringsum nur beleidigt und verleumdet zu werden. Es ist kein Größenwahn, was ihn ergriffen hat, sondern ein Kleinheitswahn, der ein großer ist. Er kündigt einem Sender die Mitarbeit auf, worin ein Kommentator ihn ein bißchen kritsiert hat, und er straft Zeitungen, in denen ein anderer seiner Kritiker etwa künftig schriebe, mit dem Entzug seiner eigenen Beiträge. Von diesem fühlt er sich derart gekränkt, dass er ihn gern aus dem PEN-Club entfernt sähe.”

Gibt es einen Zusammenhang zwischen politischer Einfalt und Literaturnobelpreis? Ist die Demonstration des einen möglicherweise Voraussetzung für die Verleihung des anderen? Ein Blick auf die Liste der Preisträger legt die Annahme nahe. Schriftsteller sind in der Regel leicht zu beeindruckende Menschen, die von sich selber eine ungeheuer vorteilhafte Meinung haben, anders würden sie die entbehrungsreiche Anfangszeit auch nicht durchstehen, in der ein Erfolg noch alles andere als ausgemacht ist. Das ist gut für die Kunst, aber verhängnisvoll für die Weltbeurteilung.

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17 Kommentare

  1. Die Überhöhung eigentlich unqualifizierter Personen ist in der Tat ein permanentes Ärgernis für Leute, die gern auch mal eine politische Talkshow sehen. Schauspieler und Pubilizisten geben ihren Senf zu Dingen ab von denen sie meist keinen blassen Schimmer haben. Politisch meist grün und mit der Aura von Personen, die mehr Aufmerksamkeit bekommen, als ihr Charakter eigentlich verdauen kann, reden sie selbst zu Professoren und Betroffenen, wie zu unverständigen Kindern.

    Aber je nun, was sollen die Linken auch machen? Mir persönlich fallen spontan einfach keine großen Geister ein, die sich selbst als links im Sinne der heutigen SPD oder den Grünen betrachtet hätten. Das mag an mir liegen, doch egal ob wie jetzt über Gödel, Heisenberg, von Braun, Mann, Orff, Heine, Goethe etc., etc. reden, wir reden immer über mehr oder weniger liberales Bürgertum. Wenn ein ganzes politisches Spektrum zur Mittelmäßigkeit verdammt ist, ist es nur folgerichtig, das was man hat, zu glorifizieren.

    Comment by G. Sievert — 3. Mai 2010 @ 16:10

  2. Zu denen hier angesprochenen Autoren, die in Talkshows bemüht sind, den eigenen Intellekt unter Beweis zu stellen, gehört zweifelsohne Richard David Precht. Einmal kurz die Philosophie-Basics unterhaltsam zusammengetragen und plötzlich darf man in der Deutschen Medienlandschaft über die Zukunft der SPD predigen.

    Comment by Soschautsaus — 3. Mai 2010 @ 16:50

  3. Wem fällt eigentlich noch auf, dass “Intellektuelle” und dabei besonders Schauspieler immer nur dann hofiert und in Talks gehoben werden, wenn sie ein ganz gewisses Gedankengut vertreten? Warum gelten Typen als wunderbar, wenn sie Che anbeten und die DDR vermissen? Aber wenn sie Kommunisten die Stirn bieten, sind sie persona non grata (bestenfalls)?
    Warum wurden Schauspieler, die die RAF-Terroristen in Schutz nahmen auf Schilde gehoben, auch wenn sie politisch nie etwas zustande gebracht hatten? Warum wurde gleichzeitig Ronald Reagan, der da schon 30 Jahre Politik machte und Gouverneur gewesen war, als “Hollywood-Schauspieler” diskreditiert?
    Weil die linken System-Kanaillen nichts mit der Realität zu tun haben, sondern ausschließlich mit faktenfreier Ideologie, finde ich.

    Comment by heplev — 3. Mai 2010 @ 19:06

  4. Sorry, dass ich schon wieder nicht um Schleichwerbung für unser Blog umhinkomme, aber ich finde, passend zum Thema sollte nicht vergessen werden, welch hochgeistige Leuchten das fortschrittliche Amerika in Hollywood repräsentieren und welche Weisheiten wir deren Weitsicht verdanken:

    http://bluthilde.wordpress.com/2010/05/05/klassenkampf-in-den-usa-ist-eliten-sache/

    Was zeigt, dass das von Evan Sayet in seinem Vortrag über “moderne (Links-)Liberale” vor der Heritage Foundation brillant beschriebene Phänomen der sozialistischen Sektglasschickeria eines ist, das offenbar der gesamten westlichen Welt gemein ist…

    Comment by harrytisch2009 — 5. Mai 2010 @ 15:51

  5. Dario Fo ist für mich der absurdeste aller Nobelpreis-Träger.

    Böll mag ein Idiot gewesen sein, aber immerhin war er recht fleißig, Fo hatte außer seiner politischen Gesinnung wirklich nichts zu bieten.

    seine Nobelpreis-Prominenz hilft heute beim Verbreiten der “9/11-Truth”:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2009/09/04/zwangsgebuhren-fur-911-truthers/

    Comment by Aron Sperber — 6. Mai 2010 @ 22:05

  6. Noch unerträglicher finde ich Musiker, die zu politischen Themen Stellung nehmen. Und es sind nicht nur Bono und Geldorf. Ich denke dabei vor allem an den tiefsinnig guckenden Niedecken (am besten im Gespräch mit Böll.) oder den philosophierenden Campino.

    Comment by uli — 7. Mai 2010 @ 10:37

  7. Chapeau !
    Meinen ausgesprochenen Dank für diese Worte. Endlich mal Einer der ausspricht was Millionen deutscher Schüler sich bei der erdrückend langweiligen Lektüre jenes Polit-Laiendarstellers gedacht haben (es zu sagen aber wg. der stalinharten 68ger Lehrerschaft einem benoteten Harakiri gleichgekommen wäre) Den einzigen Protest den wir uns damals erlauben konnten war das die halbe Oberstube geschlossen in die FDP eintrat … womit unser Notenspiegel augenblicklich um 1 bis 1 1/2 Noten fiel und schon mal eine “Du bist ein Nazi” Schmiererei auf dem Sattel unseren Fahrräder fanden.

    Comment by bowman_2061 — 7. Mai 2010 @ 10:43

  8. Jellinek war auch noch ein Tiefpunkt, sie sollte man in diesem Zusammenhang nicht vergessen…

    Aber Ihre Beobachtung bestätigt meine Vermutung, dass es in den letzten Jahren (partielle Ausnahmen wie Herta Müller bestätigen eher die Regel) ein klar konturiertes Anforderungsprofil hinsichtlich der Vergabe des Literaturnobelpreises gab: Der Preisträger musste aggressiv und sexuell anzüglich schreiben und vor allem langjähriger Kommunist, Atheist, Alt-68er, seit 2003 auch noch bekennender Bush-Hasser sein.

    Fo holt nunmehr letztere Qualifikation nach.

    Aber um “911-Truth” zu beweisen, sind mathematische Kenntnisse auch eher hinderlich: http://loyalbushie.wordpress.com/2010/03/13/vom-antiamerikanismus-besoffen/

    Da hat man es als zeitgeistsurfender Linksliterat schon leichter.

    Comment by harrytisch2009 — 7. Mai 2010 @ 17:34

  9. Interessant, wie schnell sich die Herrschaften, nachdem sie beim Thema kirchliche Würdenträger so schmerzlich und schändlich daneben gegriffen haben, nunmehr vom Thema Missbrauch, Gewalt und Glaubwürdigkeit kirchlicher Würdenträger abwenden und ein ganz neues altes Fass neu aufmachen! Das Fass heißt: Literatenhatz.
    Die Strategie: Ablenkung vom Schnee von gestern…

    Wie wär´s mit dem Thema “Fehlende Ventile bei Bohrinseln aus betriebswirtschaftlicher UND konservativer Sicht”?

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 10. Mai 2010 @ 18:17

  10. Es fehlt hier die Diskussion des Ausdrucks “Ratten und Schmeißfliegen” für schreibende Intelektuelle.

    Dieser Ausdruck geht meines Wissens auf den amerikanischen Präsidenten Harding zurück, der damit erstmalig den Schriftsteller Upton Sinclair titulierte, weil dieser in seinem Roman “Chikago” die Zustände in Chikagoer Schlachthöfen in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts beschrieb, in denen schon damals 20.000 Tiere am Tag verarbeitet wurden (inkl. verschimmelter, aus Europa per Schiffsladung zurückgeschickter Wurst oder einem in die Maschinen geratenen Arbeiter). – Daraufhin ging der Konsum von Corned Beef Dosen um ca. 25% zurück, was zu wirtschaftlichen Einbußen der Fleischindustrie führte. So schaut´s aus. – F. J. Strauß benutzte den Ausdruck in Deutschland für Autoren wie z. B. Böll u. a.

    War Ronald Reagan aus Rollywood denn nicht unerträglich, als er am Tag des Todes von John Lennon die Waffengesetze Amerikas verteidigte?

    “Anfang 1980, d.h. bei der Amtsübernahme durch Ronald Reagan, betrug die Staatsverschuldung der USA 0,93 Billionen Dollar. Die Steuersenkungspolitik und die starke Erhöhung der Staatsausgaben, insbesondere für Rüstungsgüter, zeigten aber zunächst unerwünschte Wirkungen: die US-Wirtschaft drohte sich zu überhitzen, die Inflationsrate stieg 1982 auf 5,8 Prozent. Die Fed reagierte darauf mit Zinserhöhungen, was zu einer Rezession führte. Die Arbeitslosigkeit stieg auf zwölf Millionen, Unternehmensgewinne gingen zurück. Doch die Wirtschaft erholte sich, die Arbeitslosigkeit sank, und die Inflation wurde wieder eingedämmt. Trotzdem stieg das Haushaltsdefizit der Vereinigten Staaten an, vor allem durch die extremen Militärausgaben. Unter Reagan stieg die Staatsverschuldung bis Ende 1988 um 179,6 Prozent auf 2,6 Billionen Dollar.” Ein schönes Sümmchen…

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 10. Mai 2010 @ 18:32

  11. …angehäuft von einem wahren Ökonomen!

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 10. Mai 2010 @ 18:34

  12. @Markus Graf zu Rosenfeld

    Auch wenn Ihre Einwürfe außer dem Stichwort Einfalt nichts mit dem behandelten Thema zu tun haben: was außer Ihrer offenkundigen Voreingenommenheit spricht denn so sehr gegen “die Waffengesetze Amerikas” (die im übrigen über die Bundesstaaten sehr heterogen mit unterschiedlichsten Auswirkungen sind)? Die Fakten jedenfalls nicht.

    Comment by Boris K.S. — 11. Mai 2010 @ 12:09

  13. Den Überblick über die 20 000 einzelnen Waffengesetze der USA brauche ich nicht. Mir reichen die Todesfälle pro Nacht in NY, Chikago oder Miami, die Amokläufe an Schulen, Universitäten oder in Firmen um zu wissen, dass ein verfassungsmäßig garantiertes Recht auf den Besitz von Schusswaffen kontraproduktiv ist. Wozu sollte das auch gut sein?

    Und jetzt bitte eine Antwort hierauf: “Fehlende Ventile bei Bohrinseln aus betriebswirtschaftlicher UND konservativer Sicht”?

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 12. Mai 2010 @ 17:38

  14. Lieber Herr Rosenfeld, es ist jetzt etwas blöd, dass gerade New York ein sehr restriktives Waffenrecht hat. Daraus könnte man zwei Dinge lernen: erstens ist es nicht allzu dumm, sich einen “Ueberblick” zu verschaffen, bevor man mit kontraproduktiven Beispielen um sich wirft, und zweitens der immer gleiche Rat: erst schreiben, dann saufen. Mit freundlichen Grüssen.

    Comment by max — 13. Mai 2010 @ 15:22

  15. Rosenfeld, was hat eine politkorrekt-langweilige Pfeife wie Sie denn hierher verschlagen? Haben Sie Langeweile? Sie erhellen nichts, Sie nerven nur.

    Comment by Wyler — 20. Mai 2010 @ 13:36

  16. Es ist viel erreicht, wenn die Nerven blank liegen und sich hier einer daraufhin die Frage stellt, was ein anderer hier verloren hat. Um ehrlich zu sein, ein paar Millionen sind es schon, aber Schwamm drüber, – Peanuts.

    Die Immobilien in Berlin stehen noch; die Agrarsubventionen (2009: 40 000) haben auch mir über schwere Zeiten hinweg geholfen; ich muss nicht in die Schweiz fahren und Gold kaufen, das längst bei mir im Keller liegt.

    Wer Vermögen hat, hat keine Langeweile, sondern Zeit, und wer Zeit hat ist reich, denn “Zeit ist Reichtum” wusste schon Karl Marx.

    Darum: immer schön die contenance bewahren!

    Gestern in der “Brasserie”: Maischolle mit Spargel und dazu Aperol/Prosecco, danach gegrillte Ananas mit Kokosschaum, … ein Traum!

    Comment by Markus Graf zu Rosenfeld — 21. Mai 2010 @ 11:26

  17. “…Irgendein Missverständnis hat aus Schriftstellern, die schöne Geschichten erfinden, Intellektuelle gemacht, die zu allem Möglichen Auskunft geben sollen, zum Klimawandel ebenso wie den Nachtseiten der Globalisierung, dem Welthunger oder dem Nahostkonflikt…”

    Wie sagte Thomas Bernhard schon so treffend:

    “…Die größten Arschlöcher sind die sogenannten Intelektuellen…”

    Comment by uniquolol — 26. Mai 2010 @ 12:12

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