Kritik

In Stahlgewittern

Darf man sich freuen, wenn man mit Ernst Jünger verglichen wird? Wahrscheinlich eine Temperamentfrage, die meisten Journalisten würden vermutlich einen Herzinfarkt bekommen. In jedem Fall scheut sich der Kollege Marc Felix Serrao von der “Süddeutschen” nicht, den “Spiegel” dafür zu loben, dass der sich nicht so eindeutig links verorten lasse. In einem längeren Artikel über den neuen “Focus”-Chef Wolfram Weimer und dessen Vorhaben, den Raum zu besetzen, den der “Spiegel” nach Weimers Beobachtung rechts der Mitte freigemacht hat, schreibt Serrao: “Wenn er sich da nicht täuscht (…) Man denke nur an das berühmte Cover mit dem Insektenaufspießer Ernst Jünger (04/1950: “Dreißigtausend Käfer”), an das freundliche Porträt im Heft, das selbst Jüngers Sekretär Armin Mohler, einen gescheiterten SS-Freiwilligen und späteren Liberalenhasser, nur gleichgültig erwähnte. Oder, aktuell, an die eleganten Artikel des Bekenntniskonservativen Jan Fleischhauer (“Unter Linken”).” Zweifellos die netteste Behandlung, die ich bislang in der “SZ” erfahren habe.

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2 Kommentare

  1. Ja, auf diesen Bezug können Sie sich in der Tat etwas einbilden. Gegenüber Ernst Jünger haben Sie überdies den Vorzug, dass sogar jemand mit hessischem Abitur, wie ich, versteht, was Sie meinen.

    Die Empörung gegenüber Ernst Jünger zeigt die Reflexe der deutschen Linken sehr gut. Natürlich sind seine frühen Texte heute fragwürdig, aber man kann eben die Maßstäbe von heute nicht an alles anlegen, was früher geschrieben wurde. Im Dritten Reich jedenfalls zeigte Ernst Jünger ausgesprochenen persönlichen Mut. Es ist reiner Zufall, dass er im letzten Kriegsjahr nicht wegen seiner regimekritischen Haltung ermordet wurde. Sein Sohn zeigte ebenfalls erheblichen Mut – letztlich zahlte er im Strafbataillon mit dem Leben. EJ zeigte auch immer Sympathien und wahre Zuneigung zu den Ländern, die wir heute als “Dritte Welt” bezeichnen. Er hat diese Länder immer wieder bereist und eingehend beschrieben. Seine Texte sind von unterschiedlicher Qualität, aber er wird einer der wenigen zeitgenössischen Autoren sein, die überleben. Wenn sich die Süddeutsche Zeitung über ihn also abfällig äußert, na ja, sie wissen es nicht besser.

    Was nun den Spiegel angeht, so wäre es schön, wenn man ihn nicht so einfach links verorten könnte. Ich habe den Spiegel (seit 1981) immer gerne gelesen, weil ich ihn geistig unabhängig fand, aber stimmt das noch? Ich lebe im Ausland und bekomme daher die Druckausgabe selten. Somit muss ich mich vor allem auf Spiegel-Online beziehen. Und da bin ich abgestoßen von der Spiegel-Berichterstattung zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Natürlich mussten die ans Licht, aber daraus wurde im Spiegel ein Kulturkampf, ja, eine Kampagne. Georg Ratzingers Ohrfeigen von vor 30 Jahren wurden ein Aufmacher, bei den einzelnen Missbrauchs-Fällen wurde überhaupt nicht mehr unterschieden, wann sie geschehen waren, 1950 oder 2010, Bischof Mixa schließlich war in der Berichterstattung nichts anderes mehr als ein scheußliches Ungetüm.

    Wie wird man die Berichterstattung der deutschen Medien, darunter des Spiegels, zu diesem Thema in 10 oder 20 Jahren betrachten? Ich glaube, man wird dann Vergleiche zum McCarthyismus ziehen.

    Und hiervon muss ich mich erst einmal erholen. Dann kann ich wieder lobende Worte über die geistige Unabhängigkeit des Spiegels finden. Bis dahin bleibt es bei lobenden Worten über einzelne Spiegel-Redakteure.

    Comment by Georg Misdroy — 6. Juli 2010 @ 23:06

  2. Gute Besserung, Georg!

    STAHLGEWITTER:

    Es waere jetzt an der Zeit, dass und F. einmal den Krieg in Afghanistan erklaert. Und zwar moeglichst unter Einbeziehung der Dokumente auf wikileak und unter Einbeziehung des Standpunktes des Ministers Guttenberg, der erklaerte, dass dieses “Zuviel” an Informationen die Bevoelkerung hier noch mehr verunsichern koenne. Was bedeutet das im Klartext?

    Comment by Markus Baron Rosenfeld — 27. Juli 2010 @ 10:00

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