Grüne

Mit Renate und Claudia im Fantasialand

Die Grünen kommen gar nicht darüber hinweg, dass die Linkspartei nicht ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, den formidablen Herrn Gauck, unterstützen wollte. Noch Tage nach der Wahl von Christian Wulff zetern sie darüber, dass die Linke eine “historische Chance” verspielt habe; vor allem die beiden grünen Oberstrateginnen Renate Künast und Claudia Roth ergehen sich in endlosen Anschuldigungen an die Adresse der Sozialisten. Es stelle sich die Frage, “ob die Linkspartei überhaupt politikfähig” sei, klagen sie mit Tremolo in der Stimme.

Das ist natürlich urkomisch, denn zunächst haben die Linken nicht mehr getan, als Joachim Gauck als das zu erkennen, was er ist: nämlich als den zweiten bürgerlichen Kandidaten. So ziemlich alles, was der ehemalige Bürgerrechtler während seiner Vorstellungsrunde in schöner Offenheit zur deutschen Innen- und Außenpolitik äußerte, würde ihn auch auf jedem Grünen-Parteitag sofort als Kriegstreiber und Sozialstaatsfeind disqualifizieren. Es war deshalb geradezu rührend mitanzusehen, wie der Linkspartei-Vorsitzende Klaus Ernst noch am Wahltag auf die aus seiner Sicht völlig unakzeptablen Positionen des anderen Bürgermannes hinwies – und für so wenig Pragmatismus nur Kopfschütteln erntete. Politikfähig zu sein, heißt für Leute wie Künast und Roth, sich die Ohren zu verstopfen und tapfer zu ignorieren, was einer zu sagen hat, wenn für einen taktischen Moment eben das Vorteile verspricht: Wenn man so will, besteht der Vorwurf an die Linke darin, diese Deformation professionelle noch nicht vollständig mitgemacht zu haben.

Die “historische Chance”, von der Künast und andere nun reden, bestand eh nur im grünen Fantasialand. Es ist kaum anzunehmen, dass die Abweichler bei FDP und Union auch dann für Gauck gestimmt hätten, wenn der von Anfang auf die geschlossene Unterstützung der Opposition hätte vertrauen können: Die Abweichlerei war ja nur deshalb relativ gefahrlos möglich, weil die Linke ihre eigene Kandidatin ins Rennen geschickt hatte. Als diese sich dann vor dem dritten Wahlgang zurückzog und damit zumindest theoretisch die Chance für die Wahl des rotgrünen Mannes eröffnete, erreichte Wulff mühelos die absolute Mehrheit, die ihm vorher versagt worden war. Man sieht: Auch im bürgerlichen Lager kann man rechnen und weiß, wie weit man es mit dem Widerstand gegen die Parteiführung treiben darf, ohne Dienstwagen, Büro und Diät zu riskieren.

Dabei kann man nicht einmal sagen, dass die Linke nicht lernfähig ist. Nichts beförderte einen in diesen Kreisen so schnell ins Aus wie ein Vergleich mit dem Nationalsozialismus , den man als Verharmlosung und Relativierung auslegen kann. Dies wiederum wird seit vergangener Woche offenbar nicht mehr ganz so ernst gesehen. “Was würden Sie denn machen, gesetzt, Sie hätten die Wahl zwischen Hitler und Stalin”, fragte der Abgeordnete Dieter Dehm einen Reporter am Rande der Bundesversammlung zurück, als der ihn auf seine Unwilligkeit ansprach, für Gauck zu stimmen. Dass Dehm nichts Gutes mit dem Namen Hitler verbindet, erklärt sich von selbst – dass er sich in diesem Zusammenhang aber auch von dem Genossen Stalin distanzierte, ist erstaunlich und “natürlich zu begrüßen”, wie Martin Otto noch einmal am Wochenende in der “Frankfurter Allgemeinen” festhielt: “Sollte Dehm, der sich früher mit Peter Gauweiler recht gut verstand, Ernst Nolte gelesen haben?”

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3 Kommentare

  1. Den Widerwillen gegen Frau Künast und Frau Roth kann ich gut verstehen. Im Ausland kann ich keine deutschen Nachrichtensendungen sehen, aber wenn ich bei einem Deutschland-Besuch ein Interview mit Claudia Roth sehe, muss ich einfach den Ton abstellen. Diese Selbstgewissheit, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, die ständige Bereitschaft sich über andere zu empören, wenn sie eine andere Meinung haben als man selbst ist das Markenzeichen der Grünen.

    Das Selbstvertrauen in das eigene Urteilsvermögen und die jederzeitige aggressive Bereitschaft Andersdenkende zu “schlachten”, ist ein Überbleibsel der 68er. Götz Aly beschreibt sie ganz gut als autoritäre Anti-Autoritäre.

    Dazu passt jetzt auch, dass man die Linken, die auf die genialen Ideen des Plutimikations-Maoisten Jürgen Trittin nicht eingehen wollten, abkanzelt.

    Comment by Georg Misdroy — 7. Juli 2010 @ 14:48

  2. [...] Nachruf auf die linksgrüne Heuchelei zur und nach der [...]

    Pingback by Stoff für’s Hirn! « abseits vom mainstream – heplev — 10. Juli 2010 @ 23:08

  3. Wir dürfen gespannt sein, wie sich das zukünftige Verhältnis zwischen Linkspartei und SPD entwickelt. Die SPD hat nämlich keines ihrer grundlegenden Probleme gelöst. Noch immer ist sie umklammert von Kuschel-CDU und den Militanten der Linkspartei. Gabriel kann die Linken offensichtlich nicht leiden. Er hat sie durch die Gauck-Aufstellung gedemütigt. Das werden sie so schnell nicht vergessen. Zumal die Linken gar nicht wirklich geschwächt wurden. Sicher für vernünftige Bürger sind sie noch unwählbarer geworden. Aber was macht das schon? Das klassische linke Versagerklientel interessiert sich dafür nicht wirklich. Die SPD hat noch einmal triumphiert. In ein paar Jahren werden sie dennoch zu den Kommunisten zurückkriechen müssen.

    Das Verhältnis der Linken zu den Grünen betrachte ich als weniger problematisch. Die Grünen sind die einzigste Partei, die es geschafft hat Fundamentalismus und Opportunismus auf einen Nenner zu bringen. Ihren Funktionären ist es egal, ob sie die CDU oder die ehemalige PDS an die Macht bringen – und das ist nun wirklich ein beeindruckendes Biegungsvermögen.

    Comment by G. Sievert — 11. Juli 2010 @ 13:56

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