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Abschied vom schwarz-grünen Wunschprojekt

Kaum ein politisches Projekt erfreut sich in den Meinungsetagen des linksliberalen Bürgertums zwischen Hamburg und Berlin so großer Zustimmung wie die endgültige Umarmung von Christdemokraten und Grünen. Besonders glühende Befürworter dieses neuen Bündnisses findet man unter langjährigen Grün-Wähler, die mit Angela Merkel erstmals CDU gewählt haben – und  dies deswegen bis heute einen Rest schlechten Gewissens quält. Eine schwarz-grünes Zusammenrücken wäre die nachträgliche Absolution des Lagerwechsels, der Beweis, dass die Union doch im Kern gut ist und man mit seiner Wahlentscheidung nicht die eigenen Ideale verraten hat.

Auch die Kanzlerin hat aus ihrer Sympathie für das neue Koalitionsmodell nie ein Hehl gemacht, bei ihr stehen allerdings strategische Überlegungen im Vordergrund. In der Politik ist es wie im Schach: Wer mehr Optionen hat als sein Gegner, ist erst einmal im Vorteil. Wird sie gefragt, wie sie sich die Zukunft mit den Grünen denke, sagt Merkel, dass sie nicht genug Gemeinsamkeiten sehe. Man ist versucht zu ergänzen: noch. Auch die SPD hatte ein Bündnis mit der Linkspartei erst grundsätzlich ausgeschlossen, dann für den Westen, dann für den Bund.

Wenn Merkel die Wähler von Union und Grünen vergleicht, sieht sie große Übereinstimmungen, für sie ist alles Bürgerliche eins. Das lässt sich aus ihrer Herkunft erklären, die sie ja im Gegenzug auch erfreulich unvoreingenommen macht. Bei den Gesinnungskämpfen der Siebziger und Achtziger war sie nur Zaungast, das kann man ihr nicht vorhalten, aber so fehlt ihr eben auch ein Gefühl, wie weit großstädtisches Linksbürgertum und konservative Traditionssmilieus im Westen auseinander sind. Zwischen Patchworkfamilie im Prenzlauer Berg und Fuldaer Doppelhaushälfte liegt mehr als die Hälfte der Republik.

Bislang haben die Anhänger von Schwarz-Grün über diese Unversöhnlichkeiten großzügig hinwegsehen können. Der Rücktritt des Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust ist deshalb mehr als nur der weitere Abgang eines CDU-Ministerpräsidenten, er ist auch das Ende eines Pilotprojekts, auf das alle, die gerne die Union nach links drücken würde, große Hoffnungen setzten.

Für die Christdemokraten ist die Bilanz in Hamburg verheerend: Nach der Hälfte der Regierungszeit haben sie ein Viertel ihrer Wähler verloren, dazu nun auch ihren Spitzenmann. Die Gewinner in diesem Bündnis sind, einmal mehr, die Grünen. Koalitionen können für die Beteiligten sehr unterschiedliche Auswirkungen haben, damit mussten schon die Sozialdemokraten ihre leidvollen Erfahrungen machen, sie haben sich an der Seite der Grünen deutlich mehr verändert als die Grünen an der Seite der SPD. Ein Ergebnis dieser Wandlung besteht darin, dass die CDU die letzte deutsche Volkspartei ist. Aber auch dieses Monopol lässt sich zerstören.

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6 Kommentare

  1. 1. Gottseidank lassen Monopole sich zerstören. Sie sind nämlich wettbewerbsfeindlich. Das ist übrigens ein sehr konservativer Gedanke, denn Wettbewerb ist ein Grundstein konservativen Gedankenguts gegenüber linker Gleichmacherei.

    2. Ich lebe selbst in einer Patchwork-Familie und kann nichts Besonderes mehr dabei finden, außer Vorurteilen, die derartigen Verbindungen von allerlei Seiten entgegengebracht werden.

    3. Die Grünen sind in vielfacher Hinsicht sehr konservativ im positiven Sinne und damit sehr nah an der CDU, z.B. was den Erhalt unserer Umwelt angeht.

    4. Bedeutet konservativ nun zu erhalten, was gut ist, oder aber bedeutet es “Tradition über alles”, auch wenn es (ausnahmsweise) einmal um eine schlechte Tradition geht? Gibt es in Ihrer Vorstellung keine solchen schlechten Traditionen? Dann machen Sie es sich zu einfach.

    5. Sie haben in Ihrem schönen Buch darauf hingewiesen, dass Konservative den Menschen als Mängelwesen begreifen. Dem kann ich mich nur anschließen. Ich weiß zwar nicht, an welche Fuldaer Doppelhaushälfte Sie bei Ihrem Vergleich denken, aber nach meinem Empfinden ist die Wahrscheinlichkeit, dort solche Mängelwesen anzutreffen, nicht geringer als am Prenzlauer Berg.

    Comment by Ulrich Wackerbarth — 20. Juli 2010 @ 15:58

  2. Nun, wenn man es bei Licht betrachtet ist die CDU tatsächlich erledigt, jedenfalls als Volkspartei. Beide, CDU wie SPD starren auf die Mitte und vergraulen ihr Stammklientel. Dabei hat die CDU noch Glück, dass ihre konservative Kundschaft bisher vorwiegend in die Abstinenz geflüchtet ist. Nachdem auch die CSU ausfällt, wird sich was Nationalkonservatives gründen. Dann wird es für die CDU um die Existenz gehen.

    Comment by riccardo borghese — 20. Juli 2010 @ 19:49

  3. „…damit mussten schon die Sozialdemokraten ihre leidvollen Erfahrungen machen, sie haben sich an der Seite der Grünen deutlich mehr verändert als die Grünen an der Seite der SPD…“

    Das ist auch keine große Kunst, wenn man – wie die Grünen – für nichts mehr steht. Wem fällt schon eine wegweisende Äußerung eines grünen Politikers zu einem bedeutenden Thema ein? Na? Der neuzeitliche Grüne legt sich nur noch ungern fest, das wäre nicht sexy, man steht lieber für eine nebulöse Offenheit.

    Ob man mit den Linken oder der CDU zusammenarbeitet, erfährt der geneigte Wähler frühestens nach der Wahl, so viel Zeit muss eben sein. Ist eigentlich auch egal, denn mit der grünen Wohlfühl-Partei steht man garantiert immer auf der Seite der Guten, Sozialen, Toleranten und Gerechten, das hat dem Wähler zu genügen.

    Die Umfragewerte von 18 Prozent geben den grünen Strategen recht. Ohne konkrete Aussagen gewinnt man den Wechselwähler und hat nach der Wahl keinen Ärger mit gebrochenen Versprechen. Jetzt fehlt nur noch ein gravierender Fehler der SPD vor der nächsten Bundestagswahl und die nächste Kanzlerin heißt Claudi…

    Comment by uniquolol — 21. Juli 2010 @ 03:04

  4. Lieber Herr Wackerbarth, ich glaube nicht, dass es JF um eine grundsätzliche Kritik an Patchwork-Familien ging. Ich finde die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Milieus in Fulda und im Prenzlauer Berg ganz gelungen. Als aus der hessischen Provinz stammender Ex-Berliner (der jetzt im Ausland lebt) kann ich die unterschiedlichen Lebenswelten ganz gut beurteilen. Das, was die linksalternativen Eliten in Berlin als normal ansehen, finden die Leute in der Provinz eben nicht normal.

    Es gibt übrigens ganz handfeste Gründe, dabei eher den deutschen Provinzlern zu applaudieren und nicht den Berlinern und das sind wirtschaftliche. Deutschland ist nämlich nicht wegen der Berliner Exportweltmeister, sondern wegen der Bayern, Baden-Württemberger, Hessen und Ostwestfalen. Ich kann als im Ausland tätiger Rechtsanwalt sehr gut sehen, wer im Exportgeschäft tätig ist und Berliner (mit Umgebung) Unternehmen sind im Ausland überhaupt nicht zu sehen, Hamburger (mit Umgebung) kaum. Mit anderen Worten, diejenigen, die in Deutschland das größte Mundwerk haben, tragen am wenigsten zum wirtschaftlichen Wohlstand bei.

    Vor diesem Hintergrund finde ich es immer geradezu komisch, wenn sich Linke in Berlin darüber beschweren, dass “spießige” Schwaben dort Wohnungen kaufen. Warum können das die Schwaben wohl?

    Die CDU hat die provinziellen Milieus, die Deutschland tragen, immer sehr gut verstanden, allen voran Helmut Kohl. Ich habe mich als (linker) Schüler und Student immer gewundert, wie ein solcher Volltrottel – zu der Überzeugung musste man nach Lektüre von Spiegel und Frankfurter Rundschau kommen – ins Bundeskanzleramt kommen konnte, aber er kam natürlich daher dort hin, weil er diejenigen Deutschen, über die in den Medien wenig steht, die aber alle eine Stimme haben, sehr gut kannte. Eine Kindheit in der Pfalz, in der Nähe der “Schafferstädte” Ludwigshafen und Mannheim hatte ihn gut vorbereitet.

    Der Hochmut der großstädtischen Eliten, der sich damals gegenüber Kohl richtete, ist heute noch vorhanden. Er richtet sich gegen den “Spießer” und den “Stammtisch”. Die CDU fällt aber in die Berlin-Falle und meint, es sei “modern”, sich den dortigen Stimmungen anzupassen, daher der Flirt mit den Grünen. Ich bin überzeugt, es wäre langfristig klüger, die CDU würde wieder mehr auf die Familie in der Fuldaer Doppelhaushälfte (und sei sie aus Patchwork) abzielen, sonst kommt bald eine neue konservative Partei aus der Tiefe und zieht diese Wähler ab.

    Comment by Georg Misdroy — 21. Juli 2010 @ 15:08

  5. Aber wer, bitte, vertritt in Deutschland heute noch die Interessen des arbeitenden Mittelstandes? Wo ist eine konservative politische Kraft, die dieses Adjektiv verdiente? Wen soll man als Angehöriger der lohnabhängigen Klasse noch wählen, ohne dass das eigene Wahlzettel-Kreuzchen im ZDF-Wahlstudio nach 18.00 Uhr süffisant mit den Worten “die Übrigen zusammen unter 0,8 Prozent” kommentiert würde? Ich sehe keine einzige Partei. Und wie ich sehen wahrscheinlich gut zwei Drittel der Nicht-Wähler genausowenig eine solche Partei. Dabei wäre ihr Potenzial doch enorm, oder?

    Comment by Konservativer Arbeitnehmer — 21. Juli 2010 @ 22:04

  6. Ich schrieb zum Thema Union vor Kurzem schon mal was – und ich finde, es wird jeden Tag wahrer:

    Die konservativen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland (vor gefühlten 100 Jahren einmal vertreten durch die Union) haben in der Tat ein Problem: Es gibt keine Partei mehr, die ihre Interessen vertritt. [...]

    Selbst die auf dem Papier” “konservativsten” Volksvertreter erscheinen mir heute de fakto eine linkere Politik zu vertreten als die linksten Jusos in den Siebzigern in ihren künsten Grundsatzpapieren zu fordern gewagt hatten. Und genau mit dieser politisch korrekten Grundeinstellung verprellen die “konservativen” Politiker all jene, mit deren Wählerstimmen im Rücken sie sich überhaupt keine Sorgen mehr um die Mehrheitsverhältnisse machen müssten. [...]

    Aber wer, bitte, vertritt in Deutschland heute noch die Interessen des arbeitenden Mittelstandes? Wo ist eine konservative politische Kraft, die dieses Adjektiv verdiente? Wen soll man als Angehöriger der lohnabhängigen Klasse noch wählen, ohne dass das eigene Wahlzettel-Kreuzchen im ZDF-Wahlstudio nach 18.00 Uhr süffisant mit den Worten “die Übrigen zusammen unter 0,8 Prozent” kommentiert würde? Ich sehe keine einzige Partei. Und wie ich sehen wahrscheinlich gut zwei Drittel der Nicht-Wähler genausowenig eine solche Partei. Dabei wäre ihr Potenzial doch enorm, oder?

    Comment by Konservativer Arbeitnehmer — 21. Juli 2010 @ 22:05

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