Vorurteile

Filed under: Ausländer,Intelligenz,Moral,Parteien — Schlagwörter: , , — JF @ 19:14

Alle Wege führen nach Auschwitz

Großes Entsetzen in den Parteien über die Zustimmung zu Thilo Sarrazin. Es ist schwer zu sagen, wie viele Deutsche mit ihm in der Sache wirklich übereinstimmen, der Tenor der Mails, Anrufe und Briefe, die im Adenauer-Haus und im Willy-Brandt-Haus eingehen, ist allerdings eindeutig: viel Verständnis für die Positionen des Buchautoren (oder was die Leute nach Lektüre der Zeitungen für seine Positionen halten), mehr aber noch Empörung über den Umgang mit ihm.

Auch im Kanzleramt räumen sie inzwischen ein, dass die Sache gründlich aus dem Ruder gelaufen ist. Angela Merkel ist für ihre geduldiges Zuwarten bekannt, wenn es allerdings um PC-Verstöße geht, kann es ihr nicht schnell genug gehen, sich der vermuteten Mitte der Gesellschaft zu empfehlen; das war schon in der Pius-Bruder-Debatte so, als sie meinte, den Papst ermahnen zu müssen. Christian Wulff hat sich mit seinen eilfertigen Distanzierungen jetzt sogar ein Verfahren an den Hals geholt, wenn es schlecht für ihn läuft. Im Sarrazin-Lager wird überlegt, den Präsidenten wegen Befangenheit zu verklagen,  sollte er der außerordentlichen Kündigung Sarrazins durch die Bundesbank statt geben.  Den Grund dazu hat er mit seiner kaum verklausulierten Empfehlung an die Bank, sich von ihrem Vorstandsmitglied zu trennen, selber geliefert.

Der Argwohn gegenüber dem einfachen Volk, das immer irgendwie in Gefahr steht, den falschen Leuten hinterherzulaufen, ist eigentlich eine Angewohnheit der Linken. Die Konservativen haben sich ihrer Volksnähe nie geschämt, aber auch das lässt sich ändern, wie man sieht. Man muss sich nur flüchtig die Kommentarspalten ansehen, um einen Eindruck von der Vorurteilsstruktur in den Meinungsquartieren zu bekommen. Die Begeisterung für den „Volkshelden“ Sarrazin beweist hier, was man immer schon über die breiten Masse dachte: Dass sie dumm, bequem und latent rassistisch ist (weshalb sie ja auch der Anleitung und Aufsicht durch die linksliberalen Meinungselite bedarf).

So erklärt die „Süddeutsche Zeitung“ alle, die in der einen oder anderen Weise mit Sarrazin sympathisieren, kurzerhand zu Leuten, die „eine tiefsitzende Angst vor der Moderne“ haben, eine ausgeprägte Furcht vor dem „gesellschaftlichen Wandel, dem Verlust der Identität“. Der „Tagesspiegel“ braucht in seinem Leitkommentar vom Wochenende nur einen Absatz, um zu dem Letztbegründungsargument vorzustoßen, das immer dann fällt, wenn die intellektuelle Schicht mit ihrem Latein am Ende ist: dem Holocaust. Auch im Jahre 2010 sei Deutschland kein Normalfall, heißt es dort dunkel, „und wir sollten nicht so tun, als könnten wir uns zum Normalfall erklären. Die Welt würde es uns nicht abnehmen, nicht weil sie uns einen Schuldkomplex einreden will, sondern weil es nach Auschwitz keine Normalität geben wird“.

Kann man nicht endlich mal Strafparagraphen gegen die Indienstnahme des Holocaust aus Argumentationsnot wegen geistiger Minderbemitteltheit einführen? Das wäre doch ein schöner Erfolg der Sarrazin-Sturms, mit dem der Debattenkultur in Deutschland  eindeutig gedient wäre.

Ausländerpolitik

Filed under: Ausländer,Linke — Schlagwörter: , , , , , — JF @ 22:11

Am Rande des Guten

Die Ausführungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators und heutigen Bundesbankmitglieds Thilo Sarrazin zu den Versäumnissen der deutschen Ausländerpolitik haben im linken Lager zu heftigen, man kann auch sagen: den erwartbaren Reaktionen geführt. “Am Rand braunen Gedankenguts” ordnete Hans-Christian Ströbele von den Grünen Sarrazins Äußerungen ein, “widerlich” nannte sie der grüne Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick, “skandalös” und “rechtsradikal” das Verdi-Vorstandsmitglied Uwe Foullong. Für den Feuilleton-Chef der “Frankfurter Rundschau”, Arno Widman, ist der Finanzfachmann “verrückt, und sonst gar nichts”, außerdem ein “Brandstifter” und hysterischer Fremdenfeind, der “Rassismus pur” verbreitet. “Sarrazins Menschenverachtung ist untragbar”, befand gleich am Montag Renate Künast und empfahl dann das, was sie in solchen Fällen immer empfiehlt: die Entfernung des Schuldigen aus dem Kreis der Zurechnungsfähigen. Bundesbank-Präsident Axel Weber müsse umgehend tätig werden (sonst ist es immer die Kanzlerin, die eingreifen muss): “Jede Ortssparkasse müsste umgehend Konsequenzen ziehen. Wenn die Bundesbank nicht sofort handelt, gefährdet sie ihre Substanz.”

Nun zu einigen Zahlen: In der Altersgruppe der 25- bis 35jährigen haben 40 Prozent der Ausländer in Deutschland keinen formalen Berufsabschluss, bei den Türken liegt der Anteil inzwischen bei 73 Prozent, so steht es im jüngsten “nationalen Integrationsplan” der Bundesregierung. Von den ausländischen Arbeitslosen hatten zu Beginn des Jahres 78 Prozent keine richtige Ausbildung, bei den Deutschen waren es in dieser Gruppe 37,5 Prozent. Vier Fünftel der ausländischen Jugendlichen eignen sich bestenfalls für einfache Tätigkeiten, nur elf Prozent haben das Zeug zum Facharbeiter, lediglich acht Prozent können sich für eine gehobene Angestelltenposition bewerben. Mit jeder Generation hat sich die Arbeitsmarktlage von Ausländern in Deutschland verschlechtert. Ende der siebziger Jahre war die Arbeitslosigkeit bei Deutschen und Zugezogenen etwa gleich hoch. Zwischen 1980 und 1983 jedoch verdoppelte sich  deren Arbeitslosenquote plötzlich und überstieg 1997 erstmals die 20-Prozent-Marke. Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist sie Migranten heute mehr als doppelt so hoch.

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Zahlen in Zukunft besser werden. Es spricht im Gegenteil sogar alles dafür, dass sich die soziale Lage von Ausländern, und hier vor allem von Türken in Deutschland, weiter verschlechtert. Das ist dramatisch, nicht ein Interview in einer respektablen Kulturzeitschrift mit linken Wurzeln und französischem Namen.

Nationalismus

Filed under: Ausländer — Schlagwörter: , , , — JF @ 23:18

Halbmond am Hintern

Aus Istanbul berichtet meine Freundin Mely Kiyak von ein paar jungen deutsch-türkischen Theatermachern, die anlässlich eines Kulturtreffens ein Stück über schwule Türken in Deutschland zur Aufführung brachten. Das Problem war dabei nicht so sehr die zur Schau gestellte Homosexualität, darüber hätte man in Istanbul noch hinweggesehen, das Stück stammte schließlich aus Berlin  – zum Staatsakt wurde eine Szene, in der auf ein Stück rotes Tuch mit Rasierschaum Halbmond und Stern gesprüht werden sollten. Es gab ernste Bitten, auf diese Demonstration zu verzichten, auch Ermahnungen; “das war es für euch, Freunde. Ehrlich, Gott schütze euch”, riet ein türkischer Intellektueller. Eine der bekanntesten Moderatorinnen des Landes hat gerade ein Strafverfahren am Hals, weil sie während einer Fernsehsendung mit der Fußspitze leicht einen Luftballon zur Seite stupste, der unglückseligerweise mit der türkischen Flagge verziert war. Nun heißt es, sie habe die Fahne mit Füßen getreten. Mehreren Models drohen Strafen, da sie bei einer Bademoden-Show mit den Nationalsymbolen bedruckte Bikinihöschen vorführten: Der Modeschöpfer hatte besonders patriotisch sein wollen, leider lagen Halbmond und Stern nach Ansicht einiger Nationalwächter zu nah am Gesäß. Da sage noch jemand, die Deutschen hätten ein Problem mit übersteigertem Nationalismus. Wir machen uns keine Vorstellung, welche Emotionen andernorts mit den Nationalsymbolen verbunden sind. Genau besehen sind wir inzwischen, man muss es wirklich so sagen, ein vergleichsweise entspanntes Volk.