Die Linke und der Kommunismus

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Ideologiedebatte

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Utopie und Terror

Selbst in der eigenen Partei sind sie jetzt etwas unglücklich über die Vorsitzende der Linken und ihr Bekenntnis zum Kommunismus. Allerdings weniger aus inhaltlichen Gründen, wie die halbherzigen Distanzierungen zeigen, in der Sache haben dort nur die wenigsten an den Äußerungen von Gesine Lötzsch etwas auszusetzen. Man nimmt ihr vor allem übel, dass sie den Leuten so direkt auf die Nase gebunden hat, wohin die Reise mit der Linkspartei geht, sollte sie wieder an die Macht kommen. Von einer “unglücklichen Formulierung” spricht Gregor Gysi entschuldigend, wer über Kommunismus rede, müsse damit rechnen, dass andere dabei auch an Stalin und die Mauer denken würden. Ja, an was denn sonst? Etwa an die Segnungen der chinesischen Kulturrevolution, die vorbildlichen marxistischen Erziehungsexperimente in Kambodscha oder die Vorzüge der kleinen Dschungeldespotie auf Kuba?

Ihren Kinderglauben an die moralische Überlegenheit des Kommunismus hat sich die Linke in Deutschland bis heute nicht nehmen lassen, das gilt weit über die Linkspartei hinaus. Niemand klaren Verstandes käme auf die Idee, am Nationalsozialismus noch irgendetwas Gutes zu sehen, beim Kommunismus, der anderen mörderischen Großideologie des 20. Jahrhunderts, ist das selbstverständlich anders. Der Trick besteht darin, Idee und Ausführung zu trennen. Linke meinten mit Kommunismus etwas “sehr Edles”, sagt Gysi in schöner Unschuld, nämlich eine “höchst gerechte und humane” Gesellschaft. Das Ideal ist nur ohne die entsprechende Praxis nicht zu haben.

Der Klassenwahn endet, konsequent zu Ende gedacht, nicht viel besser als der Rassenwahn. Es ist kein Zufall, dass überall dort, wo sich Revolutionäre daran machten, die marxistische Idee in die Wirklichkeit zu überführen, als erstes die Umerziehungslager eröffneten. Wer eine klassenlose Gesellschaft anstrebt, kommt nicht umhin, die Feinde dieser Gesellschaft aus dem Verkehr zu ziehen. Die kommunistische Utopie, in der Gier und Egoismus ausgemerzt sind, setzt auf die Verbesserung des Menschengeschlechts, anders funktioniert es nicht. Weil man ewig darauf warten müsste, dass sich der Mensch von selber bessert, muss man von Staats wegen nachhelfen, daher immer auch der Terror.

Zu den Meinungen, mit denen man sich in Deutschland aus gutem Grund unmöglich macht, gehört die Verharmlosung der Nazi-Diktatur. Wer heute von den Opfern sprechen würde, die “im Namen des Nationalsozialismus” ihr Leben ließen, hätte sich diskursmoralisch zu Recht disqualifiziert. Wenn umgekehrt die Abgeordnete Sahra Wagenknecht angesichts der 90 Millionen Toten, die auf das Konto des praktischen Marxismus gehen, von den Verbrechen spricht, “die im Namen des Kommunismus begangen wurden”, findet komischerweise niemand etwas dabei.

Irgendwie gelten die Leichen, die der Kommunismus hinterlassen hat, immer noch als bedauerlicher, aber entschuldbarer Betriebsunfall der Geschichte. “Vertreibung der Kulaken durch Stalin” nannte Jürgen Habermas schon im berühmten Historikerstreit nonchalant, was mit schätzungsweise zehn Millionen Toten eine der größten Auslöschungsaktionen der Geschichte ist. Das “Schwarzbuch des Kommunismus”, eine erste Aufzählung der in der Umsetzung der marxistischen Theorie verübten Verbrechen, wurde im deutschen Feuilleton vor allem unter der Frage diskutiert, ob man “roter Holocaust” sagen dürfe. Ansonsten galt das “Schwarzbuch” als “Tendenzhistorie” (Hans Mommsen), die auf “Pauschalverurteilungen statt Erklärungen” setze. Manchmal können Pauschalverurteilungen durchaus angezeigt sein.

68er

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Prantl, Leyendecker und andere Mythenlieferanten

Brauchen wir Mythen? Helfen sie in die Krise? Und was sind die Großerzählungen, an denen sich die Deutschen jetzt aufrichten könnten? Barbarossa, die Loreley, Preußen? Die Linken haben jedenfalls gerade mit der Enttarnung des Ohnesorg-Schützen Karl-Heinz Kurras als Stasi-Spion und besonders aufrechtem Kommunisten einen Großmythos verloren, auch wenn die Überzeugungs- und Sentimentallinken in den Redaktionen wie Heribert Prantl oder der unvermeidliche Hans Leyendecker dagegen seit zwei Wochen anzuschreiben versuchen. Für Leyendecker sind das nur “Rechthabereien” um die Ausdeutung von 1968, aber wahrscheinlich glaubt er auch noch bis heute, das Che Guevara in seinem bolivianischen Urwaldcamp Andersdenkende am Nachmittag lediglich aus Menschenliebe  füsilieren ließ. Ich habe Leyendecker immer bewundert, muss ich sagen: Seit Jahren schreibt er nahezu jeder größeren Enthüllungsgeschichte hinterher, was ihm den Ruf eingetragen hat, “ein Trüffelschwein allererster Güte” zu sein, wie es gerade in einer Huldigung zum Sechzigsten in der “Faz” hieß, denn niemand beherrscht so meisterlich wie der Mann von der “Süddeutschen” die Kunst, das an anderer Stelle bereits zutage Geförderte so aufzubereiten, als sei es gänzlich neu. Man kann auch sagen, Leyendecker hat mit der Zweitenthüllung eine ganz neue journalistische Gattung geschaffen, die ihm den “Erich Fromm Preis” eingebracht hat (neben Konstantin Wecker, Eugen Drewermann und, natürlich, Heribert Prantl), die Auszeichnung “Aufrechter Gang” der Landtagsfraktion der Grünen  Nordrhein-Westfalen und in jedem Netzwerk Recherche, das in Deutschland gegründet wurde und noch  gegründet werden  wird, einen Vorstandsposten auf Lebenszeit. Was uns zurück zum Thema Mythen bringt, ihrer Wirkmacht und Dauerhaftigkeit. Hier diskutieren vier Kenner der Materie eine Stunde unter Anleitung der wunderbaren Thea Dorn im  “Literatur im Foyer”.