Kirche und Staat

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Letzte Wahrheiten

Die Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, die gerade in dieses Amt berufene Hannoveraner Landesbischöfin Margot Käßmann, zeigt sich irritiert, dass ihre Neujahrspredigt so viel öffentliche Aufmerksamkeit und Widerspruch erfährt, ja, sie ist geradezu “schockiert”, wie ihre Worte zu Afghanistan von manchen verstanden werden.

Zunächst einmal ist dazu anzumerken, dass es fraglos komisch wäre, von einer Bischöfin, einer evangelischen dazu, ein Bekenntnis zum beherzten Kriegführen zu erwarten. Die neuzeitlichen Vertreter der Kirche stehen dem militärischen Einsatz, auch dem im demokratischen Auftrag, naturgemäß skeptisch gegenüber. Der Satz Jesu, dass derjenige, der einen Schlag auf die eine Wange erhalten habe, auch noch die andere hinrecken müsse, wird als deutliche Verpflichtung zum praktischen Pazifismus verstanden. Anderslautende Empfehlungen des alten Testaments gelten als veraltet; diese Reformation hat die evangelische Kirche spätestens in der zweiten Hälfte 20. Jahrhundert so gründlich durchgesetzt, dass bereits jede Erwähnug des alttestamentarischen Vergeltungsgebots heute als schlimmer Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten verstanden wird.

Was bei den Einlassungen der Bischöfin zum Widerspruch reizt, ist der Empfehlungscharakter ihrer Predigt, die politische Sprechhaltung, die auf Reformen zielt und Forderungen erhebt, in diesem Fall, nicht weitere “Einsatztruppen” nach Afghanistan zu schicken, weil dies den “zivilen Teil” der Operation weiter schwächen würde, an dem aus Käßmanns Sicht die Legitimation des ganzen Unternehmens hängt. Wer sich auf das politische Geschäft einlässt, muss sich fragen lassen, wie denn die Alternative aussehen könnte zu dem von ihm verworfenen Weg, im Konkreten: Wie die westlichen Verbündeten mit Höhlenkriegern umgehen sollen, die lieber Bomben auf Marktplätzen zünden als friedlich über eine Zukunft für ihr schönes Land zu debattieren.

Die Antwort darauf, nämlich die Forderung nach “mehr Phantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen”, wirkt in ihrer Teestuben-Einfalt seltsam undurchdacht, man kann auch sagen: sie ist schlichtweg albern. Dass die Bischöfin zum Thema Afghanistan ausdrücklich nicht als Privatperson spricht, sondern im Namen aller Gläubigen (”als evangelische Kirche sagen wir”) und damit von einer höheren moralischen Warte, macht die Sache nicht besser. Die Berufung auf Gottes Wille in Fragen der Tagespolitik empfiehlt sich vielleicht bei ursupartorischen Akten, die die Referenz außerparlamentarischer Instanzen zwingend machen; im Alltag wird kein Argument dadurch besser, dass man ihm die Gloriole der letzten Wahrheit zu verleihen sucht.

Gerade in der evangelischen Kirche gibt es einen unseligen Hang, zu den vermeintlich “brennenden Fragen” der Zeit Stellung nehmen zu wollen, immer im Bemühen, irgendwie aktuell zu wirken und so die Botschaft des Herren für die Menschen “erlebbar” zu machen, wie es gerne heißt. Weil natürlich auch kein braves Pfarrerlein weiß, wie sich die großen Weltkonflikte lösen lassen, bleibt es bei Gemeinplätzen und Windbeuteln wie eben dem, dass Waffen keinen Frieden schaffen (ein übrigen auch empirisch mehrfach widerlegter Satz). Im Gegensatz dazu steht eine eigenartige Scheu der Kirchendiener, ihrer Gemeinde ins Gewissen zu reden, also da konkret zu werden, wo sie wirklich etwas zu sagen hätten. So verbindet die moderne Predigt zwei besonders unangenehme Seiten politischer Sprache: Die Feigheit vor dem Publikum, das die Ermahnung ja krumm nehmen könnte, mit der Flucht ins ungelenk Abstrakte, das bedeutsam wirken soll, aber oft genug nur bedeutunglos ist.

Religionen

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Petersdom statt Kaaba

Roland Emmerich hat in seinem Leben schon einiges in die Luft fliegen lassen: das Empire State Building und das Weiße Haus (”Independence Day”), die Hälfte von Manhattan (”Godzilla”), das berühmte Hollywood-Zeichen in den Hügeln über Los Angeles (”The Day after Tomorrow”). In seinem Dekonstruktionsfilm “2012″, der jetzt in die Kinos kommt, geht nun, Höhepunkt seiner katastrophischen Weltsicht, die ganze Welt zu Bruch und mit ihr einige der größten Schätze des Christentums, darunter die Sixtinische Kapelle und der Petersdom in Rom – Emmerich ist, wie er bekennt, sehr gegen “organisierte Religionen” eingestellt. Die ganze Welt? Nein, die muslimische Welt bleibt verschont, jedenfalls vor der kinematographischen Zerstörung. Eigentlich wollte Emmerich auch die Kaaba in Mekka in die Luft blasen, eine der heiligsten Stätten des Islam und Ziel jedes muslimischen Pilgers, wie er dem Onlinemagazin scifiwire.com gestand: “Das wollte ich tun, muss sich zugeben. Aber mein Koautor Harald (Kloser) meinte, er wolle sich keine Fatwa wegen des Filmes zuziehen. Er hatte natürlich recht, das müssen wir hier in der westlichen Welt bedenken. Man kann christliche Symbole zusammenfallen lassen, bei einem arabischen Symbol handelt man sich eine Fatwa ein, so ist halt im Augenblick der Stand der Dinge. Es war eh kein besonders wichtiges Element des Films, also habe ich es raus gelassen.” Wie war das noch mal mit dem Widerwillen gegen “organisierte Religionen”?

Gender

Alte Zöpfe in HH

Vom Leser Johannes Schlörb kommt dieser Hinweis auf einen Fall amtlicher “Diskriminierung” beziehungsweise flagranten “Rassismus”, der in Hamburg für Aufsehen gesorgt hat und zwei Abgeordnete der Bürgerschaft, Nebahat Güclu von den Grünen und Kerstin Artus von der Linkspartei, zum energischen Eingreifen provozierte. Was sich die Hansestadt hat zu Schulde hat kommen lassen? Sie hat ein Pixi-Buch für Drittklässler in Umlauf gebracht, das die neuen Sprech- und Darstellungsweisen des “Gender Mainstreaming” vernachlässigt und zudem noch Deutsche schaubildmäßig bevorzugt. Hier der Beweis:


Weil die Hansestadt sich nicht nachsagen lassen will, gendermäßig nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, ist man jetzt bemüht Abhilfe zu schaffen. Auf der Rätselseite des Pixi-Bändchens wird nun aus dem Rick die Svetlana, “so dass wir Migrationshintergrund und die Geschlechterfrage gleich etwas verbessert haben”, wie der zuständige Sachbearbeiter stolz erklärt. Nur so einfach ist das nicht mit dem Gender Mainstreaming: Svetlana trägt Zöpfe, und das ist natürlich wieder ein niederschmetternder Beleg für das rückständige Denken in Hamburg, “denn auch Kinder mit kurzen Haaren sind Mädchen”, wie Frau Artus von den Linken kopfschüttelnd-betrübt erklärt.

SPD 1

Abgelegt unter: Schmähung — Tags:, , , — JF @ 23:50

Postmoderner Löwenthal

Die SPD-Flak ist in Stellung gebracht, endlich, möchte man ausrufen, am Abzug niemand Geringeres als Thomas Meyer, Professor für Politikwissenschaft an der TU Dortmund, Chefredakteur der “Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte” und einer der verbliebenen Vorzeigeintellektuellen der Partei. “Jan Fleischhauer: Eine Danksagung” ist seine Befassung mit “Unter Linken” überschrieben: Er sei dem Autoren zu Dank verpflichtet, schreibt Meyer, weil die Lektüre des Buches nicht nur eine wertvolle Lesehilfe für alle biete, die wissen wollten, was im ‘Spiegel’ “dräut und drängt” – mehr noch: sie erlaube einen tiefen Blick “ins Herz eines postmodernen Einflussjournalisten”. Davon abgesehen, dass ich Meyer an dieser Stelle wohl zurückdanken muss, weil dies ja nun wirklich keine schlechte Werbung ist, stellt sich natürlich wieder einmal die Frage nach der Bedeutung des als Schmähung gemeinten Epithetons. Hält Meyer es für verwerflich, wenn Journalisten Einfluss nehmen wollen? Aber wie steht er dann zu seinen Freunden in der Meinungswirtschaft, die den ganzen Tag nichts Anderes tun, als den Leuten zu sagen, wie sie die Dinge zu sehen und beurteilen haben? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang “postmodern”? Ist das ein neues Wort für “nicht links”? Wünschte er sich, man wäre ein Einflussjournalist alten Schlags wie Gunther Hoffmann oder Jürgen Leinemann, die ihre Politiker noch geduzt haben?

Halten wir Professor Meyer einfach zugute, dass er auf dem Felde des Polemischen noch nicht so bewandert ist. Da ist die Bezeichnung meiner Person als “der neue Gerhard Löwenthal des ‘Spiegel’” schon sehr viel klarer, damit kann jeder auf Anhieb etwas anfangen. Ich würde empfehlen: Weiter so!

SZ

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Verschwörungstheoretisch

Willi Winkler gestern in der “Süddeutschen Zeitung” verschwörungstheoretisch: Erst feiert Fleischhauer sein Coming out als Konservativer, schon kann man im Spiegel Online Shop über einen Link zu Libri Naziliteraur kaufen. Wer da wohl dahinter steckt? Fazit des SZ-Schreibers: “Die Glaubwürdigkeit des Spiegel wird unter diesem Link ins rechte Lager nicht leiden, peinlich ist es schon.” Peinlich wiederum für Winkler: Im Shop der “Süddeutschen Zeitung”, bei der er angestellt ist, kann man die Probe aufs Exempel, die Erinnerungen des im Dresdner Winkelried-Verlag erschienenen belgischen Faschisten und Littel-Inspirators Leon Degrelle, genauso problemlos erwerben. Was nur den Schluss zu lässt, dass Winkler nichts vom Internet versteht (gut denkbar) oder das bewußt missachtet hat, weil er sich irgendwie über den Spiegel beziehungsweise den Vorabdruck ärgern wollte. Kollege Winkler: Kopf hoch und selber mal ein Coming Out hinlegen, als was auch immer (ich glaube, er lässt sich fesseln).