Sozialstaat

Filed under: Sozialstaat,Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 19:20

Wider die Stigmatisierung

Normalerweise haben die Sachwalter des Sozialen ein nahezu grenzenloses Vertrauen in das segensreiche Wirken des Staates. Für sie gibt es eigentlich kein Problem, das sich nicht mit der richtigen Betreuung und einem ordentlichen Sozialprogramm aus der Welt schaffen oder jedenfalls verkleinern ließe. So gesehen ist es einigermaßen verblüffend, dass nun ausgerechnet ein Argument der Sozialpolitiker gegen die von der Bundesarbeitsministerin vorbereiteten Hartz-IV-Reform lautet, sie sei zu „bürokratisch“, man solle vielmehr eher auf die Eigenverantwortung der Menschen setzen.

Ursula von der Leyen will für Kinder in Hartz-IV-Familien eine Reihe von staatlichen Leistungen nicht mehr als Geld, sondern als Gutscheine ausgeben. Sie folgt dabei dem durchaus einsichtigen Gedanken, dass ein Gutschein für eine Klavier- oder Schwimmstunde der einfachste Weg ist um sicherzustellen, dass diese Förderung auch tatsächlich dem Nachwuchs zugute kommen und nicht in der Haushaltskasse der Eltern verschwindet. Das Bundesverfassungsgericht, das die Überarbeitung der Hartz-IV-Sätze vor ein paar Monaten bei der Regierung in Auftrag gab, hat diesen Weg übrigens ausdrücklich gewiesen. Auch die Richter in Karlsruhe sind sehr wohl zu praktischer Lebensklugheit in der Lage.

Im Grunde sind sich alle einig, die etwas von der Sache verstehen, beziehungsweise einmal in dem Milieu unterwegs waren, für das sie ständig sprechen. Nur im Lager der Sozialpolitiker sieht man die Dinge offenbar ganz anders, und das parteiübergreifend. Die bayrische CSU-Sozialministerin Christine Harderthauer findet Gutscheine für Hartz-IV-Empfänger “diskriminierend” und sieht in ihnen “ein kollektives Misstrauensvotum gegen Langzeitarbeitslose”, wie sie jetzt zu Protokoll gab. “Ein Gutscheinsystem birgt die Gefahr, dass es bürokratisch wird und stigmatisierend wirkt”, sagt Manuela Schwesig, in Mecklenburg für die SPD für das Soziale zuständig.

Für die deutsche Bischofskonferenz hat ihr Sprecher, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, schon vergangene Woche erklärt, dass er die Sätze grundsätzlich für viel zu niedrig halte und zudem “sehr skeptisch” sei, was die Pläne der Arbeitsministerin angingen, weil “damit die Verantwortung der Eltern nicht  wirklich ernst genommen wird”. Wie Zollitsch die Kinder aus Unterschichtshaushalten davor schützen will, dass die Eltern das für die Förderung der Jugend bestimmte Geld bildungsfernen Zwecken zuführen, bleibt sein Geheimnis, aber die Bischofskonferenz ist schon lange von dem Wunsch beseelt, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen, und den vermutet sie mehrheitlich links.

Was die Sozialpolitiker in Wirklichkeit als stigmatisierend empfinden, ist der Hinweis darauf, dass Sozialtransfers kein normales Einkommen sind, sondern immer noch Leistungen, für die andere gerade stehen müssen. Konsequent sind deshalb schon seit langem Begriffe wie “Almosen” oder “Alimentation” aus dem Sozialdeutsch getilgt. In solchen Worten ist noch die Erinnerung wach, dass es sich bei einer Reihe staatlicher Transfers im Kern eben darum handelt: um wohltätige Gaben an Bedürftige, die zu keinem eigenständigen Leben in der Lage sind. Die Frage ist allerdings, ob es wirklich so schlecht ist, hin und wieder darauf hinzuweisen, dass ein Leben auf Kosten anderer nicht die Normalität sein sollte.

Kritik

Filed under: Journalismus,Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 17:56

In Stahlgewittern

Darf man sich freuen, wenn man mit Ernst Jünger verglichen wird? Wahrscheinlich eine Temperamentfrage, die meisten Journalisten würden vermutlich einen Herzinfarkt bekommen. In jedem Fall scheut sich der Kollege Marc Felix Serrao von der “Süddeutschen” nicht, den “Spiegel” dafür zu loben, dass der sich nicht so eindeutig links verorten lasse. In einem längeren Artikel über den neuen “Focus”-Chef Wolfram Weimer und dessen Vorhaben, den Raum zu besetzen, den der “Spiegel” nach Weimers Beobachtung rechts der Mitte freigemacht hat, schreibt Serrao: “Wenn er sich da nicht täuscht (…) Man denke nur an das berühmte Cover mit dem Insektenaufspießer Ernst Jünger (04/1950: “Dreißigtausend Käfer”), an das freundliche Porträt im Heft, das selbst Jüngers Sekretär Armin Mohler, einen gescheiterten SS-Freiwilligen und späteren Liberalenhasser, nur gleichgültig erwähnte. Oder, aktuell, an die eleganten Artikel des Bekenntniskonservativen Jan Fleischhauer (“Unter Linken”).” Zweifellos die netteste Behandlung, die ich bislang in der “SZ” erfahren habe.

Intellektuelle

Filed under: Intelligenz,Migranten,Schmähung,Unter Linken — Schlagwörter: , , , , , — JF @ 14:05

Engagement und Einfalt

Niemand käme auf die Idee, Gewichtheber zur Griechenlandkrise zu befragen, nur weil sie auch mal in Athen trainiert haben, oder Stabhochspringer, die irgendwann ein paar Aktien erstanden, zur Zukunft der Finanzmärkte. Man würde zu recht erwarten, dass die Antwort durchschnittlich naiv, im besten Falle unfreiwillig komisch ausfiele. Warum hält sich dann aber der Glaube, Romanautoren hätten zu politischen Fragen besonders viel beizutragen?

Irgendein Missverständnis hat aus Schriftstellern, die schöne Geschichten erfinden, Intellektuelle gemacht, die zu allem Möglichen Auskunft geben sollen, zum Klimawandel ebenso wie den Nachtseiten der Globalisierung, dem Welthunger oder dem Nahostkonflikt. Besonders letzterer ist unter dieser künstlerischen Subspezie eine brennende Sorge, zu der sie sich liebend gerne und leidenschaftlich äußern. Manchmal wird es dann selbst dem geduldigsten Verleger zu viel: Der Rowohlt-Verlag hat sich jetzt entschlossen, seinen Autor Jose Saramago lieber ziehen zu lassen, als sein Internet-Tagebuch abzudrucken, das selbst nach Meinung gutwilliger Rezensenten nicht viel mehr ist als ein  “Parolenspuk” (Wilfried Schoeller): Der Papst ist ein Schwein, Bush ein Verbrecher und die Israelis die neuen Nazis – die üblichen altlinken Ressentiments, dazu noch besonders grob vorgetragen.

Der erste, der in Deutschland in den zweifelhaften Rang des Großintellektuellen erhöht wurde, war Heinrich Böll, Autor eher zeitgebundener Stoffe, die heute keinen Menschen mehr interessieren würden, hätte ihm nicht die Akademie in Stockholm den Nobelpreis verliehen und seine Bücher damit auf die Liste für die Schullektüre befördert, wo sie nun unverrückbar stehen und jedem halbwegs interessierten Gymnasiasten die Freude an deutscher Literatur verderben. Was sein politisches Urteilsvermögen angeht, hat Böll in stupender Regelmäßigkeit bewiesen, dass er keines besaß. Tatsächlich hat er gern den haarsträubendsten Unsinn in die Welt gesetzt, was die großen Publikationsorgane seiner Zeit selbstredend nicht davon abhielt, ihn um Meinungsbeiträge zu bitten. Wehe allerdings jemand wagte, die heilige Einfalt des Dichters als solche zu benennen, dann war Böll sofort tödlich beleidigt, beziehungsweite witterte gleich einen Rückfall in schlimme Zeiten, um nicht zu sagen die Widerkehr der Barbarei, die nach seiner Erinnerung mit  der “Intellektuellenhetze” begann.

Unvergessen, wie Böll im Januar 1972 in einem Essay für den “Spiegel” die erste Generation der RAF als “verzweifelte Theoretiker” beschrieb, als “Verfolgte und Denunzierte”, die “in die Enge getrieben worden sind und deren Theorien weitausgewalttätiger klingen, als ihre Taten sind” – zu dem Zeitpunkt, als Böll diese Zeilen schrieb, waren bereits zwei Polizisten nach Schusswechseln mit den Terroristen am Tatort verblutet. Als sich der Autor dann noch selber als Märtyrer stilisierte, weil ihm, ebenfalls im “Spiegel”, der nordrhein-westfälische Justizminister Diether Possner entgegengetreten war, schrieb Dolf Sternberger eine kleine Entgegnung in der “Frankfurter Allgemeine”, die bis heute lesenswert ist, weil leicht anwendbar auf aktuelle Fälle: “Alle Welt diskutiert seine Äußerungen, er wird im Bundstag zitiert. Eine Korporalschaft amtierender Minister hat Stellung bezogen, er kann sich vor Interviews nicht retten, die Frager wissen ihn selbst auf Reisen und beim Essen ausfindig zu machen. Er aber bildet sich allen Ernstes ein, ringsum nur beleidigt und verleumdet zu werden. Es ist kein Größenwahn, was ihn ergriffen hat, sondern ein Kleinheitswahn, der ein großer ist. Er kündigt einem Sender die Mitarbeit auf, worin ein Kommentator ihn ein bißchen kritsiert hat, und er straft Zeitungen, in denen ein anderer seiner Kritiker etwa künftig schriebe, mit dem Entzug seiner eigenen Beiträge. Von diesem fühlt er sich derart gekränkt, dass er ihn gern aus dem PEN-Club entfernt sähe.”

Gibt es einen Zusammenhang zwischen politischer Einfalt und Literaturnobelpreis? Ist die Demonstration des einen möglicherweise Voraussetzung für die Verleihung des anderen? Ein Blick auf die Liste der Preisträger legt die Annahme nahe. Schriftsteller sind in der Regel leicht zu beeindruckende Menschen, die von sich selber eine ungeheuer vorteilhafte Meinung haben, anders würden sie die entbehrungsreiche Anfangszeit auch nicht durchstehen, in der ein Erfolg noch alles andere als ausgemacht ist. Das ist gut für die Kunst, aber verhängnisvoll für die Weltbeurteilung.

Missbrauch

Filed under: Allgemein,Kirche,Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 18:43

Alles Opfer

Die Missbrauchsdebatte geht immer weiter, in einer schrecklichen Wiederholung der Vorwürfe,  einer endlosen Litanei neuer, tatsächlich aber das Bekannte bestätigenden Fälle, die nur hin und wieder durch den Auftritt einer neuen Figur unterbrochen wird. Vergangene Woche war das Bischof Mixa, gegen den die “Süddeutsche Zeitung” eidesstattliche Versicherungen von ehemaligen Heimkindern eingesammelt hat, die dem Kirchenmann Misshandlungen zu Last legen. Der eine Zögling war demnach an den Ohren gezogen worden, bei anderen setzte es Schläge auf den Oberarm. Außerdem hätten die Kinder stundenlang das Auto putzen müssen, berichtete die “Süddeutsche”.

Man fragt sich: Was kommt als Nächstes? Kardinal Meissner hat mal mit einem Schlüsselbund geworfen? Bischof Müller ist in die Kirche zu laut geworden? Wo läuft die Grenze zwischen lässlicher Unbeherrschtheit und skandalösem Vergehen?

Der Opferdiskurses ist zu verführerisch, für den Leitragenden aber auch den Zuhörer. Das Ereignis, das einen zum Opfer werden ließ, ist der Punkt, aus dem sich alles erklärt: die unvermeidlichen Niederlagen und Rückschläge, für die man nun die Verantwortung delegieren kann, das ganze verdammte Leben, das nicht so geworden ist, wie man sich das vielleicht vorgestellt hat. So drängt jede Kränkung und Zurechtweisung an die Öffentlichkeit, um dort Anteilnahme zu erfahren. Weil es sich verbietet, die Opfer nach der Plausibilität der vorgetragenen Kränkungen zu befragen, da sie das  ja ein zweites mal beschämen würde, wird noch die fragwürdigste Anschuldigung für bare Münze genommen. Gleichzeitig sinken die Anforderungen, was als Demütigung oder gar als Missbrauch zu gelten hat. In den Siebzigern war eine Ohrfeige im Unterricht noch ein Ausrutscher,  heute gilt sie als Anlass für eine lange Therapiekarriere.

Hartz IV, Teil 2

Filed under: Grüne,Sozialstaat,Unter Linken — Schlagwörter: , , , , — JF @ 19:41

Ihr Auftritt, Frau Künast!

Alle sind schrecklich empört über FDP-Vizekanzler Guido Westerwelle, weil der daran zu erinnern wagte, dass auf Dauer kein Sozialstaat funktionieren kann, wenn man ohne Arbeit mehr verdient als mit regelmäßiger Beschäftigung. Das gilt nun als schlimme “Beleidigung des schwächsten Teils der deutschen Bevölkerung”. Schon werden atemlos Entschuldigungen verlangt, wahrscheinlich dauert es keine 24 Stunden mehr, bis die ersten Rücktrittsforderungen eingehen (Ihr Auftritt, Frau Künast!).

Es gibt allerdings Grund zur Annahme, dass die veröffentlichte Meinung nicht der Mehrheitsstimmung entspricht. Die meisten Menschen, die klaglos ihre 40 Stunden pro Woche verrichten, obwohl sie damit nicht zu den Vielverdienern gehören, haben wenig Verständnis für Leute, die für sich und ihre Familie beschlossen haben, dass man auch ohne weitere Anstrengung über die Runden kommen kann. Ein Blick auf den Lohnzettel zeigt ihnen, was sie der Sozialstaat kostet: Bei vielen sind die Sozialabgaben längst höher als der Steueranteil, was eben daran liegt, dass die Zahl derer, die diese noch entrichten, laufend kleiner wird.

Die Redaktion von “Spiegel Online” hat zu meinem Kommentar zum Thema eine Reihe einschlägiger Äußerungen des FDP-Vorsitzenden gestellt. Darunter finden sich Sätze wie: “Empfänger sind in aller Munde, doch die, die alles bezahlen, finden kaum Beachtung.” Was für eine Politikerin wie Renate Künast “Sozialhetze” ist, empfinden viele Menschen, die einem normalen Beruf nachgehen, also nicht in der einen oder anderen Weise von Steuergeldern leben, als durchaus zutreffende Beschreibung der Situation.

Politik

Filed under: Lebenswelten,Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 19:58

Lagertheorie

Wie zeitgemäß sind die Kategorien links und rechts? Dass sich die politischen Lager aufgelöst hätten, ist das große Mantra der Politikwissenschaft, von den interessierten Meinungsmachern nur zu gern aufgenommen und weitergetragen. Kein Argument auch wird so oft gegen “Unter Linken” ins Felde geführt, wie dieses, dass es links und rechts ja gar nicht mehr gäbe, so als entfalle mit dem entsprechenden Nachweis  der Publikationsgrund. Hier liegt selbstverständlich eine Verwechselung vor: Nicht die Lager lösen sich auf, sondern die Parteibindungen, wie sich schnell beweisen ließe. Tatsächlich sind politische Zuordnungen weit zäher, als gemeinhin angenommen,  gehen sie doch über Fragen, wie man zur Atomkraft oder dem Betreuungsgeld steht, weit hinaus und richten sich viel mehr auf lebensweltliche Grundeinstellungen. Nur so ist es ja auch zu erklären, dass die Deutschen, zur Verblüffung der Linken, nach elf Jahren wieder eine bürgerliche Regierung ins Amt gehoben haben, trotz Finanzkrise und vorübergehendem Zusammenbruch des Kapitalismus. Mehr dazu im Interview mit der Internet- und Blogzeitung “Freie Welt”: http://www.freiewelt.net

Buchtest

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , — JF @ 19:27

Love and hate

“Man darf nicht zu empfindlich sein, wenn man sich selbst verortet” – für alle, die mehr über den Autor und die Reaktionen erfahren wollen, hier ein Interview mit den engagierten Kollegen von “Buchtest.de”. Gibt es an dieser Stelle auch auf Englisch: “I was the perfect object of hate.’”

Kritik, persönlich

Filed under: Lebenswelten,Unter Linken — Schlagwörter: , , , , — JF @ 22:47

Unter Freunden

Aus New York erreicht mich eine Kritik, die sich insofern von den üblichen Einwänden und Anmerkungen gegen “Unter Linken” unterscheidet, als hier jemand mit besonderer Kenntnis der Umstände schreibt. Andreas Mink, lange Chefredakteur des “Aufbau” und heute Autor für das jüdische Monatsmagazin, ist nicht nur ein geschätzter Kollege, sondern auch ein guter Freund. Wir kennen uns lange, ich habe mit meiner Familie mehrere wundervolle Sommer bei ihm in Connecticut verbracht, vor allem verbindet uns eine schöne und stimulierende Zeit an der Hamburger Universität. Eben diese nimmt Mink nun zum Anlass, mir in Erinnerung zu rufen, wieviel wir beide unserem damaligen Professor Klaus Bartels zu verdanken haben. Ich kann ihm nicht widersprechen, ganz im Gegenteil: Wenn ich mir dennoch den einen oder anderen Seitenhieb auf die Franzosenlehre erlaube, die uns damals die Fragwürdigkeit der Vernunftbegriffe nahe legte, dann nicht wegen, sondern trotz der Bartelschen Oberseminare. Die Anstrengungskultur, für die der Literaturwissenschaftler schon eintrat, als allenthalben noch vom herrschaftsfreien Diskurs die Rede war, hatte übrigens den für uns durchaus angenehmen Nebeneffekt, dass wir nie die beengte Atmosphäre einer Massenuniversität kennengelernt haben. Die Literaturliste, die Bartels am Anfang seines Semiars verteilte, sorgte zuverlässig dafür, dass sich beim nächsten Mal nur noch diejenigen einfanden, die bereit waren, das Lesepensum zu erledigen. Die Zahl schwankte zwischen 12 und 15 Teilnehmern.

Etwas anders verhält sich der Fall bei meinem Kollegen Matthias Matussek, der das Buch zum Anlass genommen hat, erst sein Coming Out als Wiederlinker zu erklären, und dann für alle, die noch nicht begriffen hatten, wie ernst es ihm damit ist, am Wochenende noch einmal nachzulegen (“Das Problem Fleischhauer”). Anlass hierfür bot ihm eine Antwort, die ich für die “Achse des Guten” verfasst hatte und in der ich meine Vorbehalte gegenüber den Grünen wiederholte, die Matussek nun zur neuen politischen Heimat erkoren hat. Irgendwie scheint das Engagement für die linke Sache schwer aufs Gemüt zu schlagen, fröhlicher jedenfalls schaut niemand nach der Konversion aus der Wäsche. Kein Kapitel meines Buches hat mir so wütende Kommentare eingetragen wie das über die Linke und den Humor: Ich kann nach den bisherigen Reaktionen nicht sagen, dass ich allzuviel Grund sehe, es in der nächsten Ausgabe stark zu überarbeiten.

Hip Hop

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , , , — JF @ 00:32

Alles Spießer

Der Musiker Jan Delay gibt im “Tagesspiegel am Sonntag” Auskunft über das neue, von der Kritik sehr gelobte Album “Wir Kinder vom Bahnhof Soul”, seine Kindheit unter Hippie-Eltern, colafreies Leben und seine Hinwendung zum Konservativen. Ausschnitt:

TSP: “Sie kommen aus einem liberalen Elternhaus.”

Delay: “Meine Eltern waren Künstler, ich war im Kinderladen und so, aber ich habe keine antiautoritäre Erziehung genossen. Sie waren strenge Hippies. Ich durfte nicht fernsehen, und es gab keine Cola. Auch Ökos können Spießer sein.”

TSP: “Der ‘Spiegel’-Redakteur Jan Fleischhauer hat in seinem Buch ‘Unter Linken’ beschrieben, wie er ‘aus Versehen konservativ wurde’. Erkennen Sie sich wieder?”

Delay: “Ein bisschen schon, ja. Als ich ein kleiner Junge war, stellte ich mich vor meine Mutter hin und sagte: ‘Ich will Börsenmakler werden. Das mit dem vielen Gemüse und dem Kamillentee halte ich nicht aus.’ Zwischen 16 und 17 hatte ich eine exzessive McDonald’s-Phase, aus Protest. Die wurde dann vom exzessiven Fernsehen abgelöst, damit habe ich eigentlich vor einem Jahr erst aufgehört, weil nur noch Schrott kommt – auf MTV läuft ‘Room Raiders’, wo sie mit einem Schwarzlichtgerät gucken, ob Wichsflecken in deinem Bett sind. Früher kam das BKA, heute MTV. Nee, mit dem Alter bekomme ich mit, dass ich immer konservativer werde.”

TSP: “Woran merken Sie das? Daran, dass Sie sich eine Eigentumswohnung gekauft haben?”

Delay: “Man versucht, sich abzusichern, und plant seine Zukunft. Man mäßigt sich ganz allgemein. Das tun doch im Alter alle, außer vielleicht Klaus Kinski. Hip-Hopper werden mich verstehen, bei denen ist der Konservatismus extrem weit verbreitet: Früher musstest du dich rechtfertigen, wenn du in den Charts warst, heute musst du dich rechtfertigen, wenn du es nicht bist.”

Noch mehr Kritik

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 22:32

Auf Erkundungsfahrt mit der “FAZ

Der “FAZ”-Redakteur Tobias Rüther ist losgezogen, um Linke nach ihrer Meinung zu “Unter Linken” zu befragen – eine ganz eigenwillige Erkundungsfahrt. Der vorherrschende, doch einigermaßen kuriose Befund seiner kleinen Reise: So richtig links will keiner mehr sein, jedenfalls nicht auf Vorhalt. Heribert Prantl, Innenpolitikchef der “Süddeutschen Zeitung”, bezeichnet sich als “liberaler Sozialkatholik”; die Schriftstellerin Eva Menasse war ausweislich ihrer eigenen Selbstverortung überhaupt nie links, sondern mindestens zu gleichen Teilen auch konservativ (wie sich ihr Wahlaufruf für Rot-Grün damit verträgt, wird wohl immer ihr Geheimnis bleiben). Der einzige, der treu zur Fahne steht, ist Klaus Staeck, in den Siebzigern mit  eigenwilligen SPD-Wahlplakaten  zu einigem Ruhm gelangter Grafikdesigner und nun, trotz oder dank dieser doch eher zeitgebundenen Aktivität, auf die alten Tage noch Präsident  der Akademie der Künste in Berlin. Rüthers verwundertes Fazit: “Die SPD nicht links, Prantl nicht links, Grass nicht links” – ja, da kann man in schon ins Grübeln kommen.

Zweites erfreuliches Ergebnis: Alle sind ganz gelassen, niemand regt sich groß auf, man ist schließlich liberal. Nur SZ-Prantl fällt ein wenig aus der Rolle, wenn er  dem Bekenntnis, er fühle sich in keiner Weise provoziert, sondern eher amüsiert,  dann doch noch hinterherschicken muss, er halte den Autoren Fleischhauer für “weniger politisch, oder postpolitisch, sondern eher postpubertär”. Das  ist eine Schmähung, die nur einem Linken einfallen kann, denn eben nur dort gilt es als vorwerfbar, wenn man irgendwann der Daueradoleszenz Ade sagt, um sich zum Erwachsensein durchzuringen. Ich finde, es gibt gute Gründe dafür, dass es mit 47 Jahren irgendwann an der Zeit ist, die Pubertät hinter sich zu lassen, aber auch das ist wahrscheinlich furchtbar postpubertär gedacht.

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