Zeitgeschichte

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Missbrauch von links

Es ist in Vergessenheit geraten, aber gerade die Achtundsechziger und ihre Nachfolger waren von einer seltsamen Obsession ergriffen, was die kindliche Sexualität angeht. Das Thema stand sogar ganz oben auf dem Projektplan der jungen Revolutionäre, kein linkes Theoriebuch der Zeit,  das nicht die Sexualität, und hier vor allem die der Kinder, in den Blick nahm.

Alles, was von den Neuerern als falsch und schädlich empfunden wurde, hatte nach ihrer Meinung seinen Ursprung in der Triebkontrolle: die Aggression des Menschen, seine Gier und sein Besitzstreben, seine Autoritätshörigkeit. Nur wer sich der sexuellen Repression entzog, konnte ein wahrhaft freier Mensch sein. Was lag also näher, als bei der Befreiung möglichst früh anzusetzen? Wenn die Schamgrenzen erst einmal etabliert sind, ist alles, was dann folgt, Herumdoktern am Symptom. Viel besser ist es, Scham gar nicht erst entstehen zu lassen, deshalb beginnt mit 1967 auch ein Programm zur schrittweisen Absenkung der Tabuschranken, an dessen Ende sogar der Geschlechtsverkehr mit Kindern als fortschrittlich gilt.

Das Kapitel taucht in den Feierstunden der Bewegung , in denen sonst noch jede provokative Tat als gesellschaftsverändernd gefeiert wird, nie auf; die Veteranen scheinen in diesem Punkt von einem akuten Gedächtnisverlust befallen. Dabei wäre eine Aufarbeitung auch dieser Umwälzung der Verhältnisse durchaus lohnend, jedenfalls, wenn man die Missbrauchsdebatte, die im Januar am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin ihren Anfang nahm, ernsthaft führen will. Schon die Vorfälle an der hessischen Odenwaldschule haben gezeigt, dass es eine Verbindung zwischen Reformanspruch und Enthemmung gibt.

Wer in diesem Punkt zeitgeschichtliche Nachhilfe wünscht, dem sei der neue SPIEGEL zur Lektüre empfohlen: “Kuck mal, meine Vagina” heißt der Bericht über die Erziehungsexperimente im Kinderladen und elterlichen Schlafzimmer, die dabei helfen sollten, “den neuen Menschen zu schaffen”, wie  im “Handbuch für positive Kinderindoktrination” von 1971 noch so verheißungsvoll stand. “Hinter solchen Vorwürfen stecken auch Versuche, eine gesellschaftliche Fortschrittsentwicklung zu denunzieren”, erklärte der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt vor kurzem in der “Frankfurter Rundschau”, als im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule erstmals Fragen nach der Mitverantwortung der Achtundsechziger aufkamen: “Im Großen und Ganzen haben die sozialen Veränderungen, die man mit der Chiffre 1968 zusammenfasst, eher zu einer Prophylaxe des Missbrauchs geführt.”

Es wird interessant sein zu sehen, ob sich diese Deutung so halten wird.

68er

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Prantl, Leyendecker und andere Mythenlieferanten

Brauchen wir Mythen? Helfen sie in die Krise? Und was sind die Großerzählungen, an denen sich die Deutschen jetzt aufrichten könnten? Barbarossa, die Loreley, Preußen? Die Linken haben jedenfalls gerade mit der Enttarnung des Ohnesorg-Schützen Karl-Heinz Kurras als Stasi-Spion und besonders aufrechtem Kommunisten einen Großmythos verloren, auch wenn die Überzeugungs- und Sentimentallinken in den Redaktionen wie Heribert Prantl oder der unvermeidliche Hans Leyendecker dagegen seit zwei Wochen anzuschreiben versuchen. Für Leyendecker sind das nur “Rechthabereien” um die Ausdeutung von 1968, aber wahrscheinlich glaubt er auch noch bis heute, das Che Guevara in seinem bolivianischen Urwaldcamp Andersdenkende am Nachmittag lediglich aus Menschenliebe  füsilieren ließ. Ich habe Leyendecker immer bewundert, muss ich sagen: Seit Jahren schreibt er nahezu jeder größeren Enthüllungsgeschichte hinterher, was ihm den Ruf eingetragen hat, “ein Trüffelschwein allererster Güte” zu sein, wie es gerade in einer Huldigung zum Sechzigsten in der “Faz” hieß, denn niemand beherrscht so meisterlich wie der Mann von der “Süddeutschen” die Kunst, das an anderer Stelle bereits zutage Geförderte so aufzubereiten, als sei es gänzlich neu. Man kann auch sagen, Leyendecker hat mit der Zweitenthüllung eine ganz neue journalistische Gattung geschaffen, die ihm den “Erich Fromm Preis” eingebracht hat (neben Konstantin Wecker, Eugen Drewermann und, natürlich, Heribert Prantl), die Auszeichnung “Aufrechter Gang” der Landtagsfraktion der Grünen  Nordrhein-Westfalen und in jedem Netzwerk Recherche, das in Deutschland gegründet wurde und noch  gegründet werden  wird, einen Vorstandsposten auf Lebenszeit. Was uns zurück zum Thema Mythen bringt, ihrer Wirkmacht und Dauerhaftigkeit. Hier diskutieren vier Kenner der Materie eine Stunde unter Anleitung der wunderbaren Thea Dorn im  “Literatur im Foyer”.