Ausländerpolitik

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Am Rande des Guten

Die Ausführungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators und heutigen Bundesbankmitglieds Thilo Sarrazin zu den Versäumnissen der deutschen Ausländerpolitik haben im linken Lager zu heftigen, man kann auch sagen: den erwartbaren Reaktionen geführt. “Am Rand braunen Gedankenguts” ordnete Hans-Christian Ströbele von den Grünen Sarrazins Äußerungen ein, “widerlich” nannte sie der grüne Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick, “skandalös” und “rechtsradikal” das Verdi-Vorstandsmitglied Uwe Foullong. Für den Feuilleton-Chef der “Frankfurter Rundschau”, Arno Widman, ist der Finanzfachmann “verrückt, und sonst gar nichts”, außerdem ein “Brandstifter” und hysterischer Fremdenfeind, der “Rassismus pur” verbreitet. “Sarrazins Menschenverachtung ist untragbar”, befand gleich am Montag Renate Künast und empfahl dann das, was sie in solchen Fällen immer empfiehlt: die Entfernung des Schuldigen aus dem Kreis der Zurechnungsfähigen. Bundesbank-Präsident Axel Weber müsse umgehend tätig werden (sonst ist es immer die Kanzlerin, die eingreifen muss): “Jede Ortssparkasse müsste umgehend Konsequenzen ziehen. Wenn die Bundesbank nicht sofort handelt, gefährdet sie ihre Substanz.”

Nun zu einigen Zahlen: In der Altersgruppe der 25- bis 35jährigen haben 40 Prozent der Ausländer in Deutschland keinen formalen Berufsabschluss, bei den Türken liegt der Anteil inzwischen bei 73 Prozent, so steht es im jüngsten “nationalen Integrationsplan” der Bundesregierung. Von den ausländischen Arbeitslosen hatten zu Beginn des Jahres 78 Prozent keine richtige Ausbildung, bei den Deutschen waren es in dieser Gruppe 37,5 Prozent. Vier Fünftel der ausländischen Jugendlichen eignen sich bestenfalls für einfache Tätigkeiten, nur elf Prozent haben das Zeug zum Facharbeiter, lediglich acht Prozent können sich für eine gehobene Angestelltenposition bewerben. Mit jeder Generation hat sich die Arbeitsmarktlage von Ausländern in Deutschland verschlechtert. Ende der siebziger Jahre war die Arbeitslosigkeit bei Deutschen und Zugezogenen etwa gleich hoch. Zwischen 1980 und 1983 jedoch verdoppelte sich  deren Arbeitslosenquote plötzlich und überstieg 1997 erstmals die 20-Prozent-Marke. Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist sie Migranten heute mehr als doppelt so hoch.

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Zahlen in Zukunft besser werden. Es spricht im Gegenteil sogar alles dafür, dass sich die soziale Lage von Ausländern, und hier vor allem von Türken in Deutschland, weiter verschlechtert. Das ist dramatisch, nicht ein Interview in einer respektablen Kulturzeitschrift mit linken Wurzeln und französischem Namen.

Biller

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Anatolisches Phlegma

Ein wunderbarer Arschtritt von Maxim Biller allen, die sich darauf herausreden, sie hätten es so schwer in Deutschland, weil sie niemand wirklich haben wolle, und die es deshalb von vornherei aufgegeben haben, als Türken Bundeskanzler werden zu wollen oder Mercedes-Chef oder Rudolf Augstein. Biller empfiehlt gegen das  “anatolische Phlegma und Mañana-Versagen” nicht sozialpädagogische Verständnisprogramme, sondern angeödetes Unverständnis, das den einen oder anderen vielleicht aufscheucht aus seinem “ruhigen, unhungrigen Unterprivilegiertenleben”.  Wer in der Minderheit ist, bemüht sich eigentlich mehr, er versucht schlauer zu sein, lustiger, einfallsreicher als die, die zur Mehrheit zählen; Leute wie Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch oder Karl Kraus bestimmten zu ihrer Zeit nicht deshalb den Journalismus in Deutschland, weil sie als Juden klüger waren, sondern weil Juden in Deutschland vor Hitler mit 600 000 gegen 60 Millionen ein paar Dinge klar stellen wollten. Sagen wir den Nicht-Mehrheitszugehörigen, die heute ihr Minderheitenschicksal als Entschuldigung zum Nichtstun und Eckenstehen nehmen, also einfach: “Tucholsky, Kraus und Kisch hatten es noch schwerer als ihr und haben genau deshalb das Vor-Hitler-Deutschland hoch- und runtergeschrieben, wie sie Lust hatten!” Und dann? “Dann würde wahrscheinlich etwas passieren”, stellt sich Biller vor. “Dann würden ein paar besonders kluge Einwandererkinder genervt und in ihrem Stolz extrem verletzt sein. Sie würden denken: Was, sind wir wirklich alle solche Nullen? Niemals.” Wäre jedenfalls einen Versuch wert.

Biller über Konformismus