Doppelmoral

Filed under: Grüne,Kirche,Moral — Schlagwörter: , , , , — JF @ 16:15

Alles zu seiner Zeit

Nach zwölf Wochen Missbrauchsdebatte hat es nun doch einen deutschen Bischof erwischt, allerdings nicht wegen Unzucht mit Minderjährigen, sondern wegen ein paar Ohrfeigen und einem allzu laxen Umgang mit Kirchengeldern.

Zu einem entsprechenden “SPIEGEL Online”-Kommentar zur “Inflation der Opfererzählungen” findet sich auf dem anschließenden “SPIEGEL-Forum” der Beitrag eines Lesers, der nicht unterschlagen werden soll. Der namenlose Autor fragt sich darin, warum manche Missetaten offenbar aus ihrer Zeit heraus verstanden werden müssen (womit sie entschuldigt sind), während für andere keine solche Verjährungsfrist gilt:

“Wie kann es sein, dass Joschka Fischer, der einst Steine auf Polizisten warf, hoch angesehen ist und Bischof Mixa in der öffentlichen Meinung hinter Dieter Bohlen steht? Bei Fischer hat man damals eingewandt, es sei alles lange her. Die Linke hat jede Erinnerung an seine Straßenkämpferzeiten als rechtes Komplott angesehen. Einverstanden, jeder hat das Recht sich zu ändern. Warum ist dann aber eine Watschn und ein Stich fürs Waisenhaus, alles über 15 Jahre her, schlimmer als das Steinewerfen? Der religionspolitische Sprecher der bayrischen Grünen hat heute gefordert, Mixa das Gehalt, das der bayrische Staat zahlt, zu streichen. Wenn die Taten auch strafrechtlich verjährt seien, so seien sie “politisch noch nicht verjährt”. Sollte man dann nicht auch Joschka Fischer die Ministerpension streichen?”

Interessanter Punkt.

Sexualmoral

Filed under: Allgemein,Grüne,Lebensstil,Moral — Schlagwörter: , , , , , — JF @ 23:24

“Man muss aufrichtig sein, seriös”

Zugegeben, langsam ist man ein bißchen missbrauchsmüde. Keine Woche ohne neue Namen und Verdächtigungen; jetzt hat der Skandal schon die Familie Weizsäcker erreicht, die vergangene Woche noch anlässlich des 90. Geburtstages von RvW zu einer Art deutschem Kennedy-Clan ausgerufen wurde. Deshalb auch nur ein kurzer Nachtrag zu der auffälligen Scheu, zum eigentlichen Thema vorzustoßen: dem Zusammenhang zwischen Sexualmoral und pädagogischem Eros.

In der Diskussion um die Odenwaldschule, dem reformpädagogischen Vorzeigeprojekt der siebziger und achtziger Jahre, wird die Frage, welchen Einfluss die sexuelle Befreiung und mit ihr die sich gerade formierende Schwulenbewegung auf die nun in Rede stehenden Lehrer gehabt haben könnte, einfach ausgeklammert. Von der katholischen Kirche wird jetzt im Gegenteil sogar eine weitere Aufweichung ihrer Sexuallehre verlangt, in der verwegenen Annahme, das Gebot zur Keuschheit verführe zum Missbrauch, nicht etwa seine Infragestellung.

Um einen Eindruck vom politisch-kulturellen Umfeld der Zeit zu bekommen, in der sich viele der nun bekannt gewordenen Fälle zutrugen, hier ein bislang weitgehend unbekannter Auftritt des ehemaligen Studentenführers Daniel Cohn-Bendit im französischen Fernsehen am 23. April 1982. Man kann sagen, was der heutige Europaabgeordnete der Grünen da unter nervösem Gelächter der Anwesenden mitzuteilen hat, war alles nicht so gemeint –  vielleicht. In jedem Fall zeigt sein Auftritt eine profunde Grenzverschiebung in einem zentralen gesellschaftlichen Tabubereich; wer sich so in Szene setzt, ist sich seiner Sache sehr sicher. Dass sich wirkliche Päderasten in dieser Zeit der, wenn möglicherweise auch nur rhetorischen Enttabuisierung der Kinderliebe durchaus ermutigt gefühlt haben dürften, den Worten Taten folgen zu lassen, ist sicher kein ganz abwegiger Gedanke.


Grüne

Filed under: Grüne — Schlagwörter: , , , , , , — JF @ 17:19

Die Grünen, der Sex und die Kinder

Zu den Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen, gehören das Jahr 1968 und seine Folgen. Die Linke hat das Datum in den Rang einer zweiten Staatsgründung erhoben, weshalb nun bereits jedes Kleinstjubiläum von der Erlebnisgeneration mit Erinnerungsmärschen durch alle Medien begangen wird. Für die Rechte ist 1968 das Jahr, in dem sich Dunkelheit über Deutschland legte: So ziemlich alles, was in der Republik schief läuft, nimmt aus ihrer Sicht hier seinen Anfang, von steigenden Scheidungsraten bis zu Graffiti an Hauswänden. Insofern sind die jüngsten Erklärungen des Augsburger Bischofs Walter Mixa zum Missbrauch an katholischen Schulen, in denen er der „sogenannten sexuellen Revolution“ einen Teil der Schuld gibt, ein Beispiel der Traditionspflege. Man könnte sie als kuriose Zeiterscheinung abhaken, wenn nicht die aufgeregte Reaktion der Grünen und namentlich ihrer Parteivorsitzenden Claudia Roth („beispiellose Verhöhnung der Opfer”) Anlass geben würden, sich mit der Sache doch noch einmal genauer zu befassen.

Es ist nicht mehr vielen präsent, aber gerade die Grünen hatten zum Thema Sexualität und Kinder in ihrer Gründungsphase immer viel zu sagen, wenn auch nicht unbedingt in der Form, die heute noch zeitgemäß erscheint. Ein kleiner Gang ins Archiv belehrt einen zum Beispiel über einen Antrag der grünen Bundestagsfraktion vom Februar 1985, die Strafrechtsparagraphen 175 und 182 ersatzlos zu streichen, da diese „einvernehmliche sexuelle Kontakte“ mit Minderjährigen unter Strafe stellten und dadurch „die freie Entfaltung der Persönlichkeit“ behinderten. “Mädchen werden als willenlose Objekte männlicher Verführungskunst dargestellt”, heißt es in dem Gesetzentwurf, ”in der Norm drücken sich mithin bürgerliche Moralvorstellungen aus.”

Die Grünen in Nordrhein-Westfalen forderten im gleichen Jahr auf ihrem Programmparteitag in Lüdenscheid, dass “gewaltfreie Sexualität” zwischen Kindern und Erwachsenen generell nicht länger Gegenstand strafrechtlicher Verfolgung sein dürfe: Sie sei “im Gegenteil von allen Restriktionen zu befreien, die ihr in dieser Gesellschaft auferlegt sind”. Wie immer, wenn es gegen “gesellschaftliche Unterdrückung” geht, waren die Grünen auch hier ganz vorne mit dabei, in diesem Fall zur Befreiung derjenigen, “die gewaltfreie Sexualität mit Kindern wollen, dazu fähig sind und deren gesamte Existenz von einem Tag auf den anderen vernichtet wird, wenn bekannt wird, dass sie Beziehungen eingegangen sind, die wir alle als für beide Teile angenehm, produktiv, entwicklungsfördernd, kurz: positiv ansehen müssen.”

“Einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern müssen straffrei sein”, heißt es in einem Entschluss des Arbeitskreises “Kinder und Jugendliche” der Grünen Baden-Württemberg vom April 1985: “Da Kinder Menschen sind, hat niemand das Recht, sich unter welchem Vorwand auch immer über ihre Rechte auf Selbstbestimmung und persönliches Glück hinwegzusetzen.” Noch deutlicher formulierte es das Wahlprogramm der Alternativen Liste in Berlin: “Es ist unmenschlich, Sexualität nur einer bestimmten Altersstufe und unter bestimmten Bedingungen zuzubilligen. Wenn Jugendliche den Wunsch haben, mit Gleichaltrigen oder Älteren außerhalb der Familie zusammenzuleben, sei es, weil ihre Homosexualität von ihren Eltern nicht akzeptiert wird, sei es, weil sie pädosexuelle Neigungen haben, sei es aus anderen Gründen, muss ihnen die Möglichkeit dazu eingeräumt werden.”

Das alles ist längst Schnee von gestern, so wie es auch aus gutem Grund in Vergessenheit geraten ist, was Daniel Cohn-Bendit, grüne Gründungsfigur und Statthalter der Partei in Brüssel, 1976 über seine Zeit als Erzieher in einem Frankfurter Kindergarten zu berichten wusste: „Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen. Es ist kaum zu glauben. Meist war ich ziemlich entwaffnet. Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach Umständen unterschiedlich reagiert.“

Man soll Leuten nicht endlos ihre Sünden vorhalten – nur wäre es im Gegenzug ganz schön, wenn sie nicht gleich wieder in der ersten Reihe tanzen müssten, wenn es darum geht, von anderen Entschuldigungen zu verlangen.

Hartz IV

Filed under: Sozialstaat,Wirtschaft — Schlagwörter: , , , , , , — JF @ 20:51

Bücher statt Schnaps

Es ist schön, wie sich (fast) alle über das Hartz-IV-Urteil des Bundesverfassunsgerichts freuen: Lob wohin man sieht. Die Wohlfahrtsverbände freuen sich, weil aus ihrer Sicht nun endlich klar ist, dass die Regelsätze steigen müssen. Die Grünen haben im Überschwang gleich einen Antrag für den Bundestag beschlossen, die monatliche Zuweisung für jeden Erwachsenen von 359 auf 420 Euro anzuheben, gewissermaßen im Vorgriff auf die anstehende Reform. Und für die Bundesregierung freut sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, die nun die Chance eröffnet sieht, endlich mehr für die Kinder aus Unterschichtsfamilien zu tun.

Denn darum geht es ja in erster Linie im Verfassungsgerichtsurteil: Kinder aus bedürftigen Familien, und hier sind vor allem Schulkinder gemeint, sollen nicht darunter leiden müssen, dass ihre Eltern von staatlichen Alimentationen leben. “Notwendige Aufwendungen zur Erfüllung schulischer Pflichten gehören zu ihrem existentiellen Bedarf”, heißt es im Urteil. “Ohne Deckung dieser Kosten droht hilfebedürftigen Kindern der Ausschluss von Lebenschancen, weil sie ohne Erwerb der notwendigen Schulmaterialien wie Schulbücher, Schulhefte oder Taschenrechner die Schule nicht erfolgreich besuchen können.” Da kann man nicht widersprechen.

Die Frage ist nur, wie sich sicher stellen lässt, dass die Kinder, um die es hier geht, in Zukunft auch wirklich in den Besitz von Büchern und Heften gelangen. Tatsächlich sind Kinder ja in vielen Unterschichtsfamilien eine entscheidende Einnahmequelle; die staatlichen Leistungen, die an Nachwuchs gebunden sind, machen den Unterschied zwischen einem  Studentenleben (359 Euro für einen Alleinstehenden, plus Unterkunft) und einem Einkommen, das sich mit einfacher Arbeit in Deutschland oft gar nicht mehr erreichen lässt (2000 Euro netto für eine vierköpfige Familie; mal etwas mehr, mal etwas weniger, abhängig vom Wohngeld). Wer Näheres zum Zusammenhang zwischen wohlfahrtsstaatlichen Zuwendungen und der Kinderzahl erfahren will, sei an dieser Stelle auf einen Artikel in der “FAS” mit entsprechendem Zahlenmaterial verwiesen.

Zu den Fragen, die das Verfassungsgericht leider nicht beantwortet hat, gehört die, warum Hartz-IV-Familien offenbar nicht gelingt, was in Familien mit dem Einkommen einer Verkäuferin oder eines Möbelpackers selbstverständlich angenommen wird, nämlich den Nachwuchs mit den nötigen Schulmaterialien auszustatten. Es spricht in jedem Fall sehr viel mehr für die Annahme, dass eine Erhöhung der Regelsätze sofort der Haushaltskasse zufließen würde (vulgo Schnaps, McDonalds und Unterhaltungselektronik) als in Investitionen in eine erfolgreiche Schulkarriere. Das scheint übrigens auch den Richtern in Karlsruhe bewusst zu sein, deshalb haben sie in ihrem Urteil dem Gesetzgeber ausdrücklich den Weg eröffnet, den festgestellten Mehrbedarf statt durch Geld- auch durch Sach- oder Dienstleistungen zu sichern. Man kann sich jetzt schon auf den Aufschrei der Sozialstaatsfraktion vorbereiten, sollte sich die Bundesregierung diesen Hinweis zu Herzen nehmen – dem vielbeschworenen Kindeswohl wäre es zweifellos dienlich.

Ausländerpolitik

Filed under: Ausländer,Linke — Schlagwörter: , , , , , — JF @ 22:11

Am Rande des Guten

Die Ausführungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators und heutigen Bundesbankmitglieds Thilo Sarrazin zu den Versäumnissen der deutschen Ausländerpolitik haben im linken Lager zu heftigen, man kann auch sagen: den erwartbaren Reaktionen geführt. “Am Rand braunen Gedankenguts” ordnete Hans-Christian Ströbele von den Grünen Sarrazins Äußerungen ein, “widerlich” nannte sie der grüne Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick, “skandalös” und “rechtsradikal” das Verdi-Vorstandsmitglied Uwe Foullong. Für den Feuilleton-Chef der “Frankfurter Rundschau”, Arno Widman, ist der Finanzfachmann “verrückt, und sonst gar nichts”, außerdem ein “Brandstifter” und hysterischer Fremdenfeind, der “Rassismus pur” verbreitet. “Sarrazins Menschenverachtung ist untragbar”, befand gleich am Montag Renate Künast und empfahl dann das, was sie in solchen Fällen immer empfiehlt: die Entfernung des Schuldigen aus dem Kreis der Zurechnungsfähigen. Bundesbank-Präsident Axel Weber müsse umgehend tätig werden (sonst ist es immer die Kanzlerin, die eingreifen muss): “Jede Ortssparkasse müsste umgehend Konsequenzen ziehen. Wenn die Bundesbank nicht sofort handelt, gefährdet sie ihre Substanz.”

Nun zu einigen Zahlen: In der Altersgruppe der 25- bis 35jährigen haben 40 Prozent der Ausländer in Deutschland keinen formalen Berufsabschluss, bei den Türken liegt der Anteil inzwischen bei 73 Prozent, so steht es im jüngsten “nationalen Integrationsplan” der Bundesregierung. Von den ausländischen Arbeitslosen hatten zu Beginn des Jahres 78 Prozent keine richtige Ausbildung, bei den Deutschen waren es in dieser Gruppe 37,5 Prozent. Vier Fünftel der ausländischen Jugendlichen eignen sich bestenfalls für einfache Tätigkeiten, nur elf Prozent haben das Zeug zum Facharbeiter, lediglich acht Prozent können sich für eine gehobene Angestelltenposition bewerben. Mit jeder Generation hat sich die Arbeitsmarktlage von Ausländern in Deutschland verschlechtert. Ende der siebziger Jahre war die Arbeitslosigkeit bei Deutschen und Zugezogenen etwa gleich hoch. Zwischen 1980 und 1983 jedoch verdoppelte sich  deren Arbeitslosenquote plötzlich und überstieg 1997 erstmals die 20-Prozent-Marke. Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist sie Migranten heute mehr als doppelt so hoch.

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Zahlen in Zukunft besser werden. Es spricht im Gegenteil sogar alles dafür, dass sich die soziale Lage von Ausländern, und hier vor allem von Türken in Deutschland, weiter verschlechtert. Das ist dramatisch, nicht ein Interview in einer respektablen Kulturzeitschrift mit linken Wurzeln und französischem Namen.

Gender

Alte Zöpfe in HH

Vom Leser Johannes Schlörb kommt dieser Hinweis auf einen Fall amtlicher “Diskriminierung” beziehungsweise flagranten “Rassismus”, der in Hamburg für Aufsehen gesorgt hat und zwei Abgeordnete der Bürgerschaft, Nebahat Güclu von den Grünen und Kerstin Artus von der Linkspartei, zum energischen Eingreifen provozierte. Was sich die Hansestadt hat zu Schulde hat kommen lassen? Sie hat ein Pixi-Buch für Drittklässler in Umlauf gebracht, das die neuen Sprech- und Darstellungsweisen des “Gender Mainstreaming” vernachlässigt und zudem noch Deutsche schaubildmäßig bevorzugt. Hier der Beweis:


Weil die Hansestadt sich nicht nachsagen lassen will, gendermäßig nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, ist man jetzt bemüht Abhilfe zu schaffen. Auf der Rätselseite des Pixi-Bändchens wird nun aus dem Rick die Svetlana, “so dass wir Migrationshintergrund und die Geschlechterfrage gleich etwas verbessert haben”, wie der zuständige Sachbearbeiter stolz erklärt. Nur so einfach ist das nicht mit dem Gender Mainstreaming: Svetlana trägt Zöpfe, und das ist natürlich wieder ein niederschmetternder Beleg für das rückständige Denken in Hamburg, “denn auch Kinder mit kurzen Haaren sind Mädchen”, wie Frau Artus von den Linken kopfschüttelnd-betrübt erklärt.

Kritik, persönlich

Filed under: Lebenswelten,Unter Linken — Schlagwörter: , , , , — JF @ 22:47

Unter Freunden

Aus New York erreicht mich eine Kritik, die sich insofern von den üblichen Einwänden und Anmerkungen gegen “Unter Linken” unterscheidet, als hier jemand mit besonderer Kenntnis der Umstände schreibt. Andreas Mink, lange Chefredakteur des “Aufbau” und heute Autor für das jüdische Monatsmagazin, ist nicht nur ein geschätzter Kollege, sondern auch ein guter Freund. Wir kennen uns lange, ich habe mit meiner Familie mehrere wundervolle Sommer bei ihm in Connecticut verbracht, vor allem verbindet uns eine schöne und stimulierende Zeit an der Hamburger Universität. Eben diese nimmt Mink nun zum Anlass, mir in Erinnerung zu rufen, wieviel wir beide unserem damaligen Professor Klaus Bartels zu verdanken haben. Ich kann ihm nicht widersprechen, ganz im Gegenteil: Wenn ich mir dennoch den einen oder anderen Seitenhieb auf die Franzosenlehre erlaube, die uns damals die Fragwürdigkeit der Vernunftbegriffe nahe legte, dann nicht wegen, sondern trotz der Bartelschen Oberseminare. Die Anstrengungskultur, für die der Literaturwissenschaftler schon eintrat, als allenthalben noch vom herrschaftsfreien Diskurs die Rede war, hatte übrigens den für uns durchaus angenehmen Nebeneffekt, dass wir nie die beengte Atmosphäre einer Massenuniversität kennengelernt haben. Die Literaturliste, die Bartels am Anfang seines Semiars verteilte, sorgte zuverlässig dafür, dass sich beim nächsten Mal nur noch diejenigen einfanden, die bereit waren, das Lesepensum zu erledigen. Die Zahl schwankte zwischen 12 und 15 Teilnehmern.

Etwas anders verhält sich der Fall bei meinem Kollegen Matthias Matussek, der das Buch zum Anlass genommen hat, erst sein Coming Out als Wiederlinker zu erklären, und dann für alle, die noch nicht begriffen hatten, wie ernst es ihm damit ist, am Wochenende noch einmal nachzulegen (“Das Problem Fleischhauer”). Anlass hierfür bot ihm eine Antwort, die ich für die “Achse des Guten” verfasst hatte und in der ich meine Vorbehalte gegenüber den Grünen wiederholte, die Matussek nun zur neuen politischen Heimat erkoren hat. Irgendwie scheint das Engagement für die linke Sache schwer aufs Gemüt zu schlagen, fröhlicher jedenfalls schaut niemand nach der Konversion aus der Wäsche. Kein Kapitel meines Buches hat mir so wütende Kommentare eingetragen wie das über die Linke und den Humor: Ich kann nach den bisherigen Reaktionen nicht sagen, dass ich allzuviel Grund sehe, es in der nächsten Ausgabe stark zu überarbeiten.

Künast

Filed under: Wahlkampf — Schlagwörter: , , , — JF @ 18:38

Politischer Reinigungszwang

An dieser Stelle doch noch einmal ein Wort zu Renate Künast, es hilft nichts. Bei kaum einem anderen Funktionär im politischen Berlin ist die Erregungs-  und vor allem Bezichtigungsbereitschaft so ausgeprägt wie bei der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag. Wenn sich irgendwo in Deutschland jemand politisch verdächtig eingelassen hat, kann man sicher sein, dass Künast mit maximaler moralischer Entrüstung maximale Distanzierung verlangt.

Zum ersten Mal fiel mir die Anwältin auf, als sie vor drei Jahren den Historiker Arnulf Baring zur Strecke zu bringen suchte. Baring hatte bei einem Vortrag im hessischen Landtag ausgeführt, warum es nach seiner Meinung töricht sei, die deutsche Geschichte auf die Jahre 1933 bis 1945 zu reduzieren, woraus erst  die “Frankfurter Rundschau” den Vorwurf destillierte, er habe den Nationalsozialismus verharmlost, und dann Künast aus Berlin per Ferndiagnose den Schluss zog, der Professor habe die Schrecken des Holocaust zu leugnen versucht. Jedermann weiß, dass ein Vorwurf dieser Güte eine Karriere in Deutschland sofort beenden kann, und als sei das noch nicht genug, verlangte die Grüne von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sich umgehend „von Baring und seinen Thesen zu distanzieren“ und ihn von einer geplanten CDU-Veranstaltung auszuladen. Als sich ein paar Tage später anhand eines aufgefundenen Mitschnitts herausstellte, das alles seine Ordnung gehabt, ja Baring ausdrücklich die Schrecken des Nationalsozialismus herausgestellt hatte, sah sich Künast nicht etwa zu einer Entschuldigung veranlasst, sondern befand im Gegenteil, sie habe allen Grund gehabt, dem Professor zu misstrauen.

Diese Woche ging der Kampf nun gegen den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, der in einem Anfall von Stimmenfang den Zuhörern ein paar hässliche Sachen über die Arbeitsmoral rumänischer Arbeitnehmer gesagt hat, weil sie seinen braven Landeskindern die Handyproduktion bei Nokia weggeschnappten. “Rassismus pur”, befand die wackere Dame, verbunden mit der Aufforderung an die Kanzlerin, Rüttgers seiner Verpflichtung in den Parteigremien zu entheben. Nicht nur, dass Künast offenbar unter einem merkwürdigen Reinigungszwang leidet, der sie ständig nach der Entfernung von Leuten rufen lässt, die sie nicht leiden kann – der Vorwurf geht auch an der Sache vorbei. “Rassismus” setzt ja den Tatbestand einer rassischen Unterscheidbarkeit oder jedenfalls klar abgrenzbarer Ethnien voraus, wenn man schon in solchen Termini denken will. Wenn überhaupt hat sich Rüttgers der Volksverhetzung schuldig gemacht, und selbst das ist mehr als fragwürdig, denn der Hinweis auf die laxe Arbeitsmoral in einem Nachbarland offenbart eine Vorurteilsstruktur, wie sie umgekehrt genauso leicht anzutreffen ist – man muss nur einmal mit einem Franzosen, Briten oder Holländer über die Deutschen reden, um den Beweis anzutreten.

Im Englischen würde man sagen: She ist not the sharpest knife in the tool box, aber so etwas geht im Deutschen natürlich nicht, und deshalb bleibt es hier auch ungesagt.

Grüne

Filed under: Wahl — Schlagwörter: , , , , — JF @ 22:40

Ewige Kindheit

Kann man etwas gegen die Grünen haben? Man muss sogar. Keine politische Partei erfreut sich in den meinungsbildenden Kreisen vergleichbarer Sympathie, bei jeder Wunschkonstellation für die kommende Regierung sind sie mit dabei, entweder im Verbund mit SPD und FDP (der leicht modernisierte Klassiker), als Partner eines rot-roten Bündnisses oder, im Fall konservativerer Gemüter, an der Seite der Union. Erst kürzlich hat der von mir sehr geschätzte Bernd Ulrich, einige Jahre Berliner Büroleiter und nun sogar stellvertretende Chefredakteur der “Zeit”, ein Plädoyer für Schwarz-Grün gehalten: Dies sei keine Vision mehr, sondern eine “Koalition, deren Zeit gekommen ist”.

Ich habe mich unwillkürlich gefragt: Hat Ulrich einmal in das aktuelle grüne Wahlprogramm gesehen; war er in den letzten vier Jahren, und sei es nur für eine Stippvisite, auf einem grünen Parteitag? Und wenn ja, was hat er da um Gottes Willen entdeckt, dass ihn auf eine Rückkehr der Grünen in Ministerämter hoffen lässt? Glaubt er wirklich, dass unser Land in der derzeitigen Lage eine Partei an der Regierung braucht, die jedem Hartz-IV-Empfänger erst einmal 100 Euro mehr in die Hand drücken will, ganz unabhängig von seiner Leistungsbereitschaft, die Deutschland von jeder verlässlichen Energieversorgung abzukoppeln gedenkt und deren Jugendorganiation erst kürzlich unter dem wohlwollenden Blick des Parteivorsitzenden Cem Özdemir die Entfernung der Geschlechtsangabe aus Reisepässen beschließen durfte, weil die Zuweisung in “männlich” und “weiblich” die Menschen in die “heterosexuelle Matrix” presse, aus der sie selbstredend sofort befreit gehören?

Sicherlich würde mir Ulrich auf Vorhalt antworten, dass dies Kinderkrankheiten seien, nicht ernst zu nehmende Einfälle und pubertäre Absurditäten, die sich an der Regierung schnell  auswachsen würden. Aber genau das ist mein Punkt: Warum sollen die Deutschen eine Partei in die Regierungsverantwortung schicken, die erst einmal ihre kindlichen Verhaltenweisen überwinden muss? Dafür sind die Zeiten erkennbar zu ernst, das kann man sich vielleicht leisten, wenn die Steuereinnahmen munter sprudeln, alle Arbeit haben und das vordringlichste Problem der Republik die flächendeckende Einführung der nächsten Biotonne ist. Bleibt die Frage, warum so viele kluge, nachdenkliche Menschen im Alter zwischen Vierzig und Fünfzig  ihre Sympathie für die Ökopisten bekunden. Die kurze Antwort: Die Grünen sind die ideale Partei für alle, die Probleme mit dem älter werden haben. Die ausführlicher gefasste findet sich hier, in einem Beitrag für das politische Feuilleton des Deutschlandradios.