Kirche und Krieg

Abgelegt unter: Kirche, Militär — Tags:, , , , — JF @ 23:29

Letzte Wahrheiten, Teil 2

Wer ganz genau wissen will, wie Margot Käßmann über die Deutschen und den Krieg denkt, der sei auf ein Interview verwiesen, das die “Berliner Zeitung” zum Weihnachtstag mit der EKD-Ratsvorsitzende geführt hat und das bislang nicht die Beachtung fand, die es verdient. In diesem Interview (auf das mich der Leser Claus Schmidt aufmerksam gemacht hat) wiederholt Käßmann nicht nur ihre Position, dass Krieg für sie nicht zu legitimieren sei; auf konkrete Beispiele angesprochen, bezieht sie auch den Einsatz der Allierten zur Beendigung der Nazi-Herrschaft in Europa bei ihrem Verdikt ausdrücklich ein. Das ist nun allerdings eine neue, aufregende Sicht auf den Zweiten Weltkrieg und die Lehren, die aus ihm zu ziehen sind. Bislang hatten wir immer gedacht, dass wir für die Befreiung durch die allierten Truppen dankbar sein müssten, die sich Hitlers Mordmaschine zu Wasser, zu Luft und am Boden unter Hinnahme hoher eigener Verluste in den Weg stellten (allein auf amerikanischer Seite 170 000 Soldaten). Offenbar müssen wir umdenken, jedenfalls solange wir Schäfchen der Evangelischen Kirche Deutschlands sind.

Folgt man der Argumentation der Bischöfin, dann wäre der Zweite Weltkrieg zu vermeiden gewesen, wenn man nur rechtzeitig die “Opposition in Deutschland  gestärkt” hätte. Welche Opposition, mag sich der Unbedarfte fragen. Nicht jedem fallen auf Anhieb die Zigtausenden im Widerstand ein, die nur auf ein Signal aus London oder Washington zum Losschlagen gewartet haben. “Warum wurden die Gleise, die nach Auschwitz führten, nicht bombardiert”, fragt Käßmann nach – ja, warum wohl? Weil die Allierten das Schicksal der Juden nicht interessiert hat, oder weil sie mit Hitlers Vernichtungsplänen vielleicht sogar ganz einverstanden waren? Meint sie das? Und weiter: “Warum gab es vorher keine Strategien?”

Eine Antwort auf letztere Frage könnte lauten, dass es ja durchaus eine gab, der mit dem Namen Chamberlain verbundene Versuch nämlich, den deutschen Diktator mit Zugeständnissen von seinem Weg abzubringen. Den naheliegenden Einwand, dass alle Appeasement-Politik Hitler wenig beeindruckt habe, lässt die Ratsvorsitzende freilich nicht gelten, da bleibt sie standhaft: “Krieg setzt ein Gewaltpotenzial frei, für das ich keine Rechtfertigung sehe”, erwidert sie unberirrt. “Krieg hat Unrecht, Zerstörung, Vergewaltigungen im Schlepptau. Krieg zerstört alle, die an ihm beteiligt sind.”

So sind in Käßmanns kleiner Geschichtsstunde am Ende irgendwie alle schuld, Sieger und Besiegte, Angreifer und Verteidiger, Täter und Opfer. Wo es nur Schuldige gibt, weil Krieg in der bischöflichen Auslegung nun einmal keine moralischen Unterschiede kennt, macht auch das Rechten und Richten keinen Sinn. Das haben die Heimkehrer und Vertriebenen nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht anders gesehen, sie haben es nur nicht so schön auszudrücken gewusst.