Anatolisches Phlegma
Ein wunderbarer Arschtritt von Maxim Biller allen, die sich darauf herausreden, sie hätten es so schwer in Deutschland, weil sie niemand wirklich haben wolle, und die es deshalb von vornherei aufgegeben haben, als Türken Bundeskanzler werden zu wollen oder Mercedes-Chef oder Rudolf Augstein. Biller empfiehlt gegen das “anatolische Phlegma und Mañana-Versagen” nicht sozialpädagogische Verständnisprogramme, sondern angeödetes Unverständnis, das den einen oder anderen vielleicht aufscheucht aus seinem “ruhigen, unhungrigen Unterprivilegiertenleben”. Wer in der Minderheit ist, bemüht sich eigentlich mehr, er versucht schlauer zu sein, lustiger, einfallsreicher als die, die zur Mehrheit zählen; Leute wie Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch oder Karl Kraus bestimmten zu ihrer Zeit nicht deshalb den Journalismus in Deutschland, weil sie als Juden klüger waren, sondern weil Juden in Deutschland vor Hitler mit 600 000 gegen 60 Millionen ein paar Dinge klar stellen wollten. Sagen wir den Nicht-Mehrheitszugehörigen, die heute ihr Minderheitenschicksal als Entschuldigung zum Nichtstun und Eckenstehen nehmen, also einfach: “Tucholsky, Kraus und Kisch hatten es noch schwerer als ihr und haben genau deshalb das Vor-Hitler-Deutschland hoch- und runtergeschrieben, wie sie Lust hatten!” Und dann? “Dann würde wahrscheinlich etwas passieren”, stellt sich Biller vor. “Dann würden ein paar besonders kluge Einwandererkinder genervt und in ihrem Stolz extrem verletzt sein. Sie würden denken: Was, sind wir wirklich alle solche Nullen? Niemals.” Wäre jedenfalls einen Versuch wert.

