Aufarbeitung

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Rebellion und Wahn

Auf kaum etwas sind die Achtundsechziger und ihre Spättruppen so stolz wie auf die Befreiung Deutschlands vom Faschismus. Das Land vergangenheitspolitisch aus der allseits beschwiegenen Herrschaft der Altnazis gelöst zu haben,  gilt bis heute als nachhaltigste und bewundernswerteste Hinterlassenschaft der Bewegung. Dazu berichtet Peter Schneider in seinem Buch “Rebellion und Wahn“, nicht ganz zur schmeichelhaften Kollektiverinnerung passend, wie sich Rudi Dutschke während der Studentenrevolte zum Nationalsozialismus  äußerte. Auf die Frage des SDS-Genossen Tilman Fichter, ob es nicht an der Zeit sei, “etwas über den Judenmord zu machen”, statt sich immer nur über die imperialistische Gewalt in Vietnam und Afrika zu erregen, erwiderte Dutsche nach einigem Zögern: “Wenn wir das anfangen, verlieren wir unsere ganze Kraft. Eine solche Kampagne ist von unserer Generation nicht zu verkraften, aus dieser Geschichte kommen wir nicht mehr heraus. Man kann nicht gleichzeitig den Judenmord aufarbeiten und die Revolution machen. Wir müssen erst einmal etwas Positives gegen diese Vergangenheit setzten.” Auch ein Standpunkt. Dazu wiederum passt sehr gut die Beobachtung des Historikers Götz Aly, der in  seinem überaus lesenswerten Geschichtsbuch “Unser Kampf” das Desinteresse der Zeitgenossen an der juristischen Aufarbeitung  des NS-Staates notierte , wie sie ab 1963 mit den Frankfurter Auschwitzprozessen begann: “Befragt man Achtundsechziger heute, erinnern sie sich nicht an einen dieser Prozesse, stattdessen ist ihnen der Kitzel präsent geblieben, die sie beim allseits beliebten, damals noch einfachen Klamottenklau erlebten oder beim Coming-Out als Steinewerfer.”