Intellektuelle

Filed under: Intelligenz,Migranten,Schmähung,Unter Linken — Schlagwörter: , , , , , — JF @ 14:05

Engagement und Einfalt

Niemand käme auf die Idee, Gewichtheber zur Griechenlandkrise zu befragen, nur weil sie auch mal in Athen trainiert haben, oder Stabhochspringer, die irgendwann ein paar Aktien erstanden, zur Zukunft der Finanzmärkte. Man würde zu recht erwarten, dass die Antwort durchschnittlich naiv, im besten Falle unfreiwillig komisch ausfiele. Warum hält sich dann aber der Glaube, Romanautoren hätten zu politischen Fragen besonders viel beizutragen?

Irgendein Missverständnis hat aus Schriftstellern, die schöne Geschichten erfinden, Intellektuelle gemacht, die zu allem Möglichen Auskunft geben sollen, zum Klimawandel ebenso wie den Nachtseiten der Globalisierung, dem Welthunger oder dem Nahostkonflikt. Besonders letzterer ist unter dieser künstlerischen Subspezie eine brennende Sorge, zu der sie sich liebend gerne und leidenschaftlich äußern. Manchmal wird es dann selbst dem geduldigsten Verleger zu viel: Der Rowohlt-Verlag hat sich jetzt entschlossen, seinen Autor Jose Saramago lieber ziehen zu lassen, als sein Internet-Tagebuch abzudrucken, das selbst nach Meinung gutwilliger Rezensenten nicht viel mehr ist als ein  “Parolenspuk” (Wilfried Schoeller): Der Papst ist ein Schwein, Bush ein Verbrecher und die Israelis die neuen Nazis – die üblichen altlinken Ressentiments, dazu noch besonders grob vorgetragen.

Der erste, der in Deutschland in den zweifelhaften Rang des Großintellektuellen erhöht wurde, war Heinrich Böll, Autor eher zeitgebundener Stoffe, die heute keinen Menschen mehr interessieren würden, hätte ihm nicht die Akademie in Stockholm den Nobelpreis verliehen und seine Bücher damit auf die Liste für die Schullektüre befördert, wo sie nun unverrückbar stehen und jedem halbwegs interessierten Gymnasiasten die Freude an deutscher Literatur verderben. Was sein politisches Urteilsvermögen angeht, hat Böll in stupender Regelmäßigkeit bewiesen, dass er keines besaß. Tatsächlich hat er gern den haarsträubendsten Unsinn in die Welt gesetzt, was die großen Publikationsorgane seiner Zeit selbstredend nicht davon abhielt, ihn um Meinungsbeiträge zu bitten. Wehe allerdings jemand wagte, die heilige Einfalt des Dichters als solche zu benennen, dann war Böll sofort tödlich beleidigt, beziehungsweite witterte gleich einen Rückfall in schlimme Zeiten, um nicht zu sagen die Widerkehr der Barbarei, die nach seiner Erinnerung mit  der “Intellektuellenhetze” begann.

Unvergessen, wie Böll im Januar 1972 in einem Essay für den “Spiegel” die erste Generation der RAF als “verzweifelte Theoretiker” beschrieb, als “Verfolgte und Denunzierte”, die “in die Enge getrieben worden sind und deren Theorien weitausgewalttätiger klingen, als ihre Taten sind” – zu dem Zeitpunkt, als Böll diese Zeilen schrieb, waren bereits zwei Polizisten nach Schusswechseln mit den Terroristen am Tatort verblutet. Als sich der Autor dann noch selber als Märtyrer stilisierte, weil ihm, ebenfalls im “Spiegel”, der nordrhein-westfälische Justizminister Diether Possner entgegengetreten war, schrieb Dolf Sternberger eine kleine Entgegnung in der “Frankfurter Allgemeine”, die bis heute lesenswert ist, weil leicht anwendbar auf aktuelle Fälle: “Alle Welt diskutiert seine Äußerungen, er wird im Bundstag zitiert. Eine Korporalschaft amtierender Minister hat Stellung bezogen, er kann sich vor Interviews nicht retten, die Frager wissen ihn selbst auf Reisen und beim Essen ausfindig zu machen. Er aber bildet sich allen Ernstes ein, ringsum nur beleidigt und verleumdet zu werden. Es ist kein Größenwahn, was ihn ergriffen hat, sondern ein Kleinheitswahn, der ein großer ist. Er kündigt einem Sender die Mitarbeit auf, worin ein Kommentator ihn ein bißchen kritsiert hat, und er straft Zeitungen, in denen ein anderer seiner Kritiker etwa künftig schriebe, mit dem Entzug seiner eigenen Beiträge. Von diesem fühlt er sich derart gekränkt, dass er ihn gern aus dem PEN-Club entfernt sähe.”

Gibt es einen Zusammenhang zwischen politischer Einfalt und Literaturnobelpreis? Ist die Demonstration des einen möglicherweise Voraussetzung für die Verleihung des anderen? Ein Blick auf die Liste der Preisträger legt die Annahme nahe. Schriftsteller sind in der Regel leicht zu beeindruckende Menschen, die von sich selber eine ungeheuer vorteilhafte Meinung haben, anders würden sie die entbehrungsreiche Anfangszeit auch nicht durchstehen, in der ein Erfolg noch alles andere als ausgemacht ist. Das ist gut für die Kunst, aber verhängnisvoll für die Weltbeurteilung.

Grüne

Filed under: Wahl — Schlagwörter: , , , , — JF @ 22:40

Ewige Kindheit

Kann man etwas gegen die Grünen haben? Man muss sogar. Keine politische Partei erfreut sich in den meinungsbildenden Kreisen vergleichbarer Sympathie, bei jeder Wunschkonstellation für die kommende Regierung sind sie mit dabei, entweder im Verbund mit SPD und FDP (der leicht modernisierte Klassiker), als Partner eines rot-roten Bündnisses oder, im Fall konservativerer Gemüter, an der Seite der Union. Erst kürzlich hat der von mir sehr geschätzte Bernd Ulrich, einige Jahre Berliner Büroleiter und nun sogar stellvertretende Chefredakteur der “Zeit”, ein Plädoyer für Schwarz-Grün gehalten: Dies sei keine Vision mehr, sondern eine “Koalition, deren Zeit gekommen ist”.

Ich habe mich unwillkürlich gefragt: Hat Ulrich einmal in das aktuelle grüne Wahlprogramm gesehen; war er in den letzten vier Jahren, und sei es nur für eine Stippvisite, auf einem grünen Parteitag? Und wenn ja, was hat er da um Gottes Willen entdeckt, dass ihn auf eine Rückkehr der Grünen in Ministerämter hoffen lässt? Glaubt er wirklich, dass unser Land in der derzeitigen Lage eine Partei an der Regierung braucht, die jedem Hartz-IV-Empfänger erst einmal 100 Euro mehr in die Hand drücken will, ganz unabhängig von seiner Leistungsbereitschaft, die Deutschland von jeder verlässlichen Energieversorgung abzukoppeln gedenkt und deren Jugendorganiation erst kürzlich unter dem wohlwollenden Blick des Parteivorsitzenden Cem Özdemir die Entfernung der Geschlechtsangabe aus Reisepässen beschließen durfte, weil die Zuweisung in “männlich” und “weiblich” die Menschen in die “heterosexuelle Matrix” presse, aus der sie selbstredend sofort befreit gehören?

Sicherlich würde mir Ulrich auf Vorhalt antworten, dass dies Kinderkrankheiten seien, nicht ernst zu nehmende Einfälle und pubertäre Absurditäten, die sich an der Regierung schnell  auswachsen würden. Aber genau das ist mein Punkt: Warum sollen die Deutschen eine Partei in die Regierungsverantwortung schicken, die erst einmal ihre kindlichen Verhaltenweisen überwinden muss? Dafür sind die Zeiten erkennbar zu ernst, das kann man sich vielleicht leisten, wenn die Steuereinnahmen munter sprudeln, alle Arbeit haben und das vordringlichste Problem der Republik die flächendeckende Einführung der nächsten Biotonne ist. Bleibt die Frage, warum so viele kluge, nachdenkliche Menschen im Alter zwischen Vierzig und Fünfzig  ihre Sympathie für die Ökopisten bekunden. Die kurze Antwort: Die Grünen sind die ideale Partei für alle, die Probleme mit dem älter werden haben. Die ausführlicher gefasste findet sich hier, in einem Beitrag für das politische Feuilleton des Deutschlandradios.

Fackelkopf

Filed under: Linke — Schlagwörter: , , , , — JF @ 23:22

Gesunder Klassenstandpunkt

Mit der Post erhielt ich dieser Tage ein Schreiben des ebenfalls in Berlin ansässigen Journalisten und Schriftstellers Bruno Preisendörfer, in dem er mich über einen “offenen Brief” in Kenntnis setzte, den er auf seiner kürzlich eröffneten Webseite “Fackelkopf” veröffentlicht hat. Ich muss zugeben, dass mich bereits ein Beitrag von Jens Bisky in der “Süddeutschen” auf den Text aufmerksam gemacht hatte, insofern war ich vorgewarnt. Preisendörfer ist ein bekennender Linker, er macht auch keine Anstalten, das irgendwie modisch einzukleiden – er versteht sich als Mann der Arbeiterschaft, jedenfalls stammt er daher, seine Kritik erwächst aus einem klaren Klassenstandpunkt, was mir schon einmal sympathisch ist. Ich hatte immer etwas übrig für Leute, die die Dinge sehen, wie sie sind, wozu auch die Existenz von Interessen und sozialen Milieuverhaftungen gehört. Natürlich hat Preisendörfer an dem Buch einiges auszusetzen; so vermisst er eine Würdigung der Gewerkschaftsbewegung (die ist bis auf eine Vignette über den schlechtgelaunten Funktionär in der Tat ausgefallen, ich muss bei Gewerkschaft immer an Ver.di denken, da bin ich befangen). Das Interessante ist, dass Preisendörfer eine ganze Reihe, wenn nicht sogar die überwiegende Zahl, meiner Einschätzungen teilt. Als Arbeiterkind kennt er nur zu genau das “Kopftätschelnde” des linken Juste Milieu, das “Sentimentale und Naive” dieser Schicht von Leuten, die sich für die Elenden und Ausgebeuteten immer nur so lange interessieren, als sie ihnen nicht zu nahe rücken. “Wie kann ein Mensch, der eine Putzfrau und noch alle Tassen im Schrank hat, links sein?” fragt er: “Die Putzfrau selbst müsste links sein, wenn es mit rechten Dingen zuginge und die Menschen nicht so verwirrte Wesen wären.” Recht hat der Mann.

Podiumsdiskussion

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , , , — JF @ 16:52

Unter Linken im Gespräch:

N24

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 00:14

Rot und schwarz

Ein Mann sieht rot, auch auf N24:

rbb

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 00:08

Im Stilbruch

Das Kulturmagazin “Stilbruch” des rbb berichtet über den Mann, der nicht mehr links ist:

Kritik

Filed under: Allgemein,Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 23:22

Meinungsspektrum

Die ersten Rezensionen laufen ein, die Meinungen gehen erkennbar auseinander. Nachdem die Rezensentin der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” das Buch vor allem langweilig und überflüssig findet, kann sich Henryk M. Broder in der “Weltwoche” vorbehaltlos begeistern. Gustav Seibt betrachtet die Dinge in der “Süddeutschen Zeitung” eher abgeklärt, der “Tagesspiegel” macht ein paar wohlwollend-ironische Anmerkungen zur Buchpräsentation am Montag und die Korrespondentin der WAZ erkennt einiges wieder, was sie lustig findet.

Baring

Filed under: Unter Linken — Schlagwörter: , , , — JF @ 13:49

Endlich!

“Endlich!”, schreibt Arnulf Baring in der heutigen Ausgabe der “Welt“: “Wie lange hat man auf dieses Buch gewartet, das überfällig war.” Die erste Rezension von “Unter Linken” – schmeichelhaft. So kann es natürlich nicht bleiben.

“Da muss man ja konservativ werden”

Vorabdruck

Filed under: Linke — Schlagwörter: , , , , , — JF @ 23:53

Aus dem Villenviertel

Im “Spiegel” findet sich diese Woche ein Auszug aus der Einleitung meines Buches; für alle, die das verpasst haben, anbei ein Auszug. Die Kommentare sind bislang überwiegend freundlich, nur Leser M. Rude erfüllt erkennbares Missbehagen bei der Lektüre, er moniert: “Gerade habe ich den Auszug aus der Einleitung Ihres Buches im SPIEGEL gelesen. Das hat mir schon gereicht. Wer ernsthaft meint, heute links zu sein, bedeute, zwar in einem Villenviertel zu leben, aber in der SPD zu sein, für Obama zu schwärmen, die Meinungsspalte der “Süddeutschen” zu lesen und das Feuilleton der FAZ, der war nie links, sondern schon immer bürgerlich und konservativ. Eine Frechheit, dass so jemand sich erdreistet, etwas über die Befindlichkeit der Linken zu schreiben!” Hmm, was dem aufmerksamen Zeitgenosse Rude wohl auf Nachfrage zum Lebenswandel von, sagen wir, Joschka Fischer einfallen würde, der gerade eine Villa im Grunewald bezogen hat, die er mit den Einnahmen aus einer amerikanischen PR-Agentur bestreitet? Aber vielleicht gehörte Fischer nach Ansicht des braven linken Fahrensmanns ja auch nie dazu.


Wie man aus Versehen konservativ wird

Öffentliche Erregung

Filed under: Kanzler — Schlagwörter: , , , — JF @ 21:41

Kanzlerstreit

Wer sich davon überzeugen möchte, dass es in der Politik auch früher nicht wirklich ziviler zugegangen ist, als die Talkshows noch “Frühschoppen” oder “Presseclub” hießen:


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